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CD-Review

HUBERT VON GOISERN
"Wia die Zeit vergeht" (1995),
"Omunduntn" (1994),
"Aufgeigen statt niederschiassen" (1992)


Alpe'n'Roll


 

Wia die Zeit vergeht

Wia die Zeit vergeht

 

 

Omunduntn

Omunduntn

 

 

Aufgeigen statt niederschiassen

 

Ich fange mit der Live DoCD an, denn sie markiert das Ende einer Ära. Kaum zu glauben, dass diese nur 6 Jahre währte! Doch in dieser kurzen Zeit gelang es Hubert von Goisern, Musikgeschichte zu schreiben!

Manchmal macht es echt Sinn, Reviews erst nach ein paar Jahren zu schreiben. Denn vieles verändert sich. Was man vorschnell geliebt hat, löst sich mitunter schnell in Schall und Rauch auf. Erst die "alte Liebe" beweist, dass sie rostfrei war und ist!

Manche mögen sich fragen, was ein Review von derart "ollen Kamellen" überhaupt soll. Nun, diese Damen und Herren machen immer den gleichen Fehler! Klar, dass die "Augenzeugen" damals alles mitbekommen haben und meinen Zeilen wohl kaum etwas Neues entnehmen können. Klar. Absolut richtig. Nur darf man nicht vergessen, dass die Menschheit zwar immer weniger Nachkommen erzeugt (Dank an karrieregeile Doppelverdiener und an die Singles!), dennoch gibt es sie, die neuen Edenburger... äh Erdenbürger. Somit kann es also durchaus sein, dass ein jüngeres Mitglied unserer so hoch entwickelten Rasse beispielsweise nur die neue TRAD III... Entschuldigung... "Ausland"  kennt. Diese Person könnte sich die unmöglichsten Reime auf dieses "Werk" machen. "So ein Schmarrn" zum Beispiel. Eine andere (jüngere) Person ist vielleicht begeistert von der vermeintlich "ersten" Platte, die er/sie von Hubert besitzt!
Es gäbe sicherlich noch eine ganze Vielzahl von weiteren Beispielen, doch alle möglichen haben eines gemeinsam: Die Menschen wissen womöglich gar nicht, dass es da noch andere Platten gibt! Also ein Leben vor der TRAD!
Wieder ganz andere streiften das "seltsame" Vorleben, und/oder hörten Sagen von so Machwerken wie "iwasig", "Fön", "Gombe" oder gar "Inexil". Komische Platten, was?! (Von wegen...!) Aber die sagenhaften Alpinkatzen? Entweder hat man noch nie etwas von ihnen gehört oder es stellt sich die Frage, ob's die wirklich gegeben hat. 

Für diese Klientel leiste ich hier den entsprechenden Aufklärungsbedarf. Natürlich muss auch die Diskografie bei uns vervollständigt werden... und außerdem will ich meinen Traum von einer Reunion nicht ganz aus dem Auge verlieren...

"Wia die Zeit vergeht" ist eine der besten Live-CDs, die ich kenne. Ex-Kanzler Kohl würde noch anfügen: Und das sage ich mit aller Entschiedenheit! Hubert von Goisern ist der Erfinder des Alpenrocks, von mir ab sofort Alpe'n'Roll genannt. 1988 gründete er die "Alpinkatzen", die schon damals eine Legende waren. Da sich Hubert von Goisern aber nicht dauernd (die gleichen) Denkmäler setzen wollte, hatte er alsbald die Schnauze voll. Vor allem vom permanenten Tourstress. Das Ende läutete er bereits 1994 ein und untermauert hat er es mit der genannten DoCD, die das endgültige Ende markieren und dokumentieren sollte. Ein überaus kraftvolles Ende.

Das ungeschnürte Stiefelchen auf dem Cover ist ein Abbild der damaligen Philosophie, wenn man so will. Hubert von Goisern entfernte den so ungemein einengenden Schnürsenkel der sog. Volksmusik und fegte mit einem Donnerschlag den meterdicken Staub musikalischer Traditionen hinweg!

Die unerreichte Vehemenz seiner "Songs" konnte nur "Live" wirklich rüberkommen, und deshalb stellt "Wia die Zeit vergeht" tatsächlich alles in den Schatten, was es bis dato an Veröffentlichungen gegeben hatte, was natürlich nicht heißt, dass "Omunduntn", sowie "Aufgeigen statt niederschiassen" auf den hinteren Rängen Platz nehmen dürfen. Keineswegs, denn diese Scheibletten waren ja der Beginn der eigentlichen Revolution, von der allerersten Platte "Alpine Lawine" (1988) einmal abgesehen, welche dieselbe so langsam ins Rollen brachte.

Es war eine friedliche, aber lautstarke Revolution. Und es war eine VERBALE Revolution, was allein der Titel "Aufgeigen statt niederschiassen" ausdrückte. Die Revolution war sehr laut, aber sie war auch sehr leise zugleich. Denn zwischen dem Gaudi-Hit "Koa Hiatamadl" und dem abgründigen "Heast as nit" liegen Welten. Ebenso zwischen dem satirischen "Wildschütz Räp" und einem der besten Songs dieser Erde "Weit, weit weg". Welches Lied kann wohl unendliche Sehnsucht besser ausdrücken und definieren...?
Spätestens in "Sepp Bleib Do" wird's auch noch politsch... und "iawaramoi" bringt es auf den Punkt ..."ob krawaten (Hochdeutsch: Kroaten?) oder serbn, alle müaßen sterben, ob serb oder krawat, um an jeden is schad."

Ich hab' ja noch gar nix über die Musik geschrieben, fällt mir auf. Tja, ist auch schwierig, denn wie soll ich beispielsweise meinen Kindern ein Mittelding zwischen Lawine und Wundstarrkrampf erklären!? Der Waaahnsinn!
Wirbelsturm in der Bauernstube. Volksmusik trifft Granatwerfer, oder so ähnlich. Alpe'n'Roll eben!!!
So. Apropos Wahnsinn. Nehmen wir uns nur ein Beispiel heraus. Wer das g-ö-t-t-l-i-c-h-e Gitarren-Solo von Reinhard Stranzinger im "Kokain-Blues" gehört und KAPIERT hat, der weiß erstens, dass der Mann den Blues gepachtet hat und zweitens, was das an sich doch recht unscheinbare Adjektiv "schweinegeil" zu bedeuten hat! Das ist ein Fest!!
(Bemerkenswert auch der Unterschied zwischen der Live- und Studioversion! Beide für sich aber Kracher!)
Von dem musikalischen Ausnahmezustand in "Da Juchitzer" will ich jetzt gar nicht erst anfangen, denn (auch) bei diesem Stück stehen seit Jahren immer noch die Tränen Schlange.
Ja... und von der Dame am Mikro erst recht nicht. Nur eins sei gesagt. Auch wenn das (wiedermal) einigen sauer aufstossen wird. Sabine Kapfinger ersang sich neben Hubert eine gleichberechtigte Hauptrolle. Das hat bis heute niemand erreicht. Keine. Never. Basta.
Da ich Risiken und Nebenwirkungen 100pro ausschließen kann, und mich hier und jetzt nicht weiter in diesen ambivalenten Klanggebirgen verlieren möchte, empfehle ich einfach eine Eigentherapie! Ohne jede Einschränkung! Auf geht's. Einfach selber mal reinhören! Wieso Ambivalenz? Ganz einfach, denn wer will jemals den Versuch wagen, beispielsweise ein "Hiatamadl" mit "Heast as net", oder einen "Schleininger" mit "Wieder hoam" vergleichen zu wollen. No way. Mission impossible!

Outing: Falls jemand denken sollte, ich wäre so ein ewig Gestriger, muss ich diesen leider enttäuschen. Ich bin zwar knapp fuffzich Jahre alt, und habe destowegen natürlich eine nicht unerhebliche Konzerterfahrung, aber musikalisch bin ich eher in den unendlichen Weiten der Klassik, des Prog-Rock, Art-Rock und Prog-Metal beheimatet. Aber diejenigen, von denen ich hier so schwärme, habe ich tatsächlich noch NIE gesehen! Die Katzen meine ich natürlich. Und deshalb fordere ich jetzt und hier...
Wia die Zeit vergeht
... na gut. Erst ist mal die Reunion von Genesis angesagt, und dann sehen wir weiter. Hmmmmm... ich hab' da aber was von einer Coverband läuten hören... was wohl eher als Scherz gedacht war, oder?!

Wie dem auch sei, Träume in diese Richtung sind legitim, denn wie schreibt Hubert im Booklet von "Wia die Zeit vergeht": "Und vielleicht hat unsere Geschichte eine Fortsetzung. Dieser Gedanke ist jedoch nicht mehr als ein Traum. Aber was wäre das Leben ohne Träume." (Februar 1995)

Fazit: Auch "Lawinen" kommen zum Stillstand! Trotzdem auch heute noch für die Oma ein Koma!! Fest gemauert in der Erden: Die Musikgeschichte wurde um drei Meilensteine bereichert!!!

 

Thomas Lawall - Januar 2006

 

 

"Wia die Zeit vergeht" (1995)

Tracklist:

01. Solide Alm
02. Spinni
03. Iawaramoi (Steirer)
04. Schleininger
05. Kokain-Blues
06. Kuahmelcher
07. Weit, weit weg
08. Gott erhalts
09. Kiahsuacha
10. Landlertanz
11. KGB (Kuhglockenblues) 
12. Da Juchitzer
13. Wildschütz-Räp
14. Wieder hoam
15. Goisern 
16. Kren & Speck
17. Oben und Unten
18. Koa Hiatamadl 
19. Heast as net
20. A ganze Weil

Line-up:

Hubert von Goisern: Gesang, Zieharmonika, Gitarre, Cornett und Beefhorn

Sabine Kapfinger: Gesang

Stefan Engel: Bass, Tasteninstrumente, Gesang

Wolfgang Maier: Schlagzeug

Reinhard Stranzinger: Gitarre, Gesang

Evert van der Waal: Perkussion (auf 14, 18, 19)

Hochtraxlecker Sprungschanzenmusi (auf 20)

 

 

"Omunduntn" (1994)

Tracklist:

01. Iawaramoi (Steirer)
02. Goassbeitl-Bauernbuam
03. Spinni
04. Kren & Speck
05. Goisern
06. Kokain - Blues
07. Landlertanz
08. Kuahmelcher
09. Gott erhalts
10. Wieder hoam
11. Ganz alloan
12. Oben und unten
13. Schleiniger

Line-Up:

Hubert von Goisern: Gesang, Steirische, Akustikgitarre, Maultrommel

Reinhard Stranzinger: E-Gitarre

Stefan Engel: Keyboard, Bass

Alpine Sabine: Gesang
Wolfgang Maier: Schlagzeug, Percussion

 

 

"Aufgeigen statt niederschiassen" (1992)

Tracklist:

1. Koa Hiatamadl
2. Wildschütz Räp
3. Heast as nit
4. Benni
5. Ich brauche keine $
6. Kurt gib nicht auf
7. Neu-Ausseer
8. Sepp bleib do
9. Weit, weit weg

Line-up:

Hubert von Goisern: Gesang, Steirische Zieharmonika, Akustische und E-Gitarre, Mundharmonika, Maultrommel, Beef-Hörndl, Computerprogramming

Reinhard Stranzinger: E-Gitarre, Chorgesang

Wolfgang Maier: Schlagzeug

Stefan Engel: Keyboard, Keyboardbass, Programming Sampling, Spezial Effects

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