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Literatur

Rostige Flügel

von Manfred Wieninger


256 Seiten
Unionsverlag Taschenbuch 465
© Haymon Verlag 2008
© Unionsverlag 2009
www.unionsverlag.com
www.manfredwieninger.com
ISBN 978-3-293-20465-2



Es ist ja nicht das erste Mal, dass Diskontdetektiv Marek Miert so mehr oder weniger zufällig in einen Fall hineinstolpert. Nicht selten sind es irgendwelche Lapalien oder Bagatelldelikte, mitunter darf es aber auch etwas Handfesteres sein. Miert ist mit seinem Granada im Harlander Feierabendverkehr unterwegs - während er im Geiste Liebesgedichte verfasst. Mira, die von ihm schon seit längerer Zeit Hochverehrte, aber leider anderweilig Vergebene, scheint Probleme mit ihrem Mann zu haben. Wäre das eine Gelegenheit ...? Er hat eine Flasche Château Palmer intus, macht sich dahingehend aber keine Gedanken, weil sich das "Fläschchen" in seiner weitläufigen Leibesfülle wohl mehr oder weniger unauffällig verteilen und sich im Blutkreislauf allerhöchstens durch ein halbes Promille bemerkbar machen würde.  

Er parkt seinen Wagen gerne in der Bahnhofshochgarage, wo keine Gebühren zu entrichten sind. Auf dem Weg nach Hause begegnet er einem der meistgesuchten Kleinkriminellen Harlands, ohne jedoch entsprechend zu reagieren. Im nahegelegenen Männer-WC erkennt er aber sofort, wer ihm da gerade durch die Lappen gegangen ist. Es handelt sich zweifellos um Gagamel, der diverse Kunden-Toiletten in der ganzen Stadt mit seinem eimerweise gesammelten Kot zu verzieren und dekorieren pflegt ... 

Zu Hause angekommen, spricht ihn ein Nachbar an, der in einem heruntergekommenen Haus auf der anderen Straßenseite wohnt. Am Fensterbrett lehnend macht er ihm deutlich, dass er nun lange genug zugeschaut hätte. Marek Miert versteht zunächst nicht, um was es sich handelt, zumal er seinen Nachbarn nur vom Sehen her kennt. Plötzlich steht er vor ihm, stellt sich als Wickerl Goritschnig vor, und überreicht ihm ein Bündel Geldscheine mit den Worten, dass er nun engagiert wäre. Viel zu lange hätte er zugeschaut und schließlich sei er bereits siebzig Jahre alt, fährt er fort. Miert versteht immer noch nicht, folgt ihm aber trotzdem, von welcher Macht auch immer getrieben.

Schließlich erreichen sie eine ebenso schäbige, wie teilweise schon abgerissene "Mietskaserne" aus der Gründerzeit. Im Hausflur gärt der Abfall und Miert wähnt sich für einen Moment in den Kulissen eines Alien-Films. Goritschnig öffnet die Tür einer Wohnung im Erdgeschoss und winkt ihn hinein. Kurz darauf bekommt das schräge Duo unerwarteten Besuch. Die Wohnungstür poltert auf und im Türrahmen steht ein verdutzter Schrank von einem Mann. Zweifellos ein Boxer, wenn auch eher der zweit- bis drittklassigen Fraktion. Miert hält von "hochritualisierten Kampftechniken" nichts, weshalb er lediglich eine "Art Verteidigungsstellung" einnimmt, während Wickerl Goritschnig es vorzuziehen scheint, die Flucht zu ergreifen.

Mit einem Totschläger in der Hand rennt das Monstrum auf Miert zu, aber nicht ohne sich vor dem vermeintlich schwerwiegenden Angriff unverbindlich zu erkundigen, um was für eine Art Arschgeige es sich bei ihm handeln würde. Miert macht seinen inneren Frieden, doch es kommt anders als erwartet. Der Hühne bricht am Kopf blutend zusammen, schwer getroffen von einem Holzprügel. Goritschnig hat ihn doch nicht im Stich gelassen. Vorerst jedenfalls, denn jetzt ergreift der 70jährige überraschend schnell und endgültig die Flucht.

Um die bizarre Situation zu komplettieren, steht plötzlich ein spärlich bekleidetes Mädchen im Vorraum der Wohnung. Ihre ebenso zerkratzte wie zerstochene Haut gibt schnell Aufschluss über ihr Betätigungsfeld. Sie stürzt sich unvermittelt auf den Niedergeschlagenen, erbricht sich auf seinen Kopf und bricht ohnmächtig zusammen. Miert bringt sie in eine stabile Seitenlage, um sie vor dem sicheren Erstickungstod zu bewahren. Wenig später wird er selbst mit Pfefferspray und Stockhieben außer Gefecht gesetzt. Die Rettungssanitäter sind eingetroffen und schätzen die Situation nicht unbedingt richtig ein. Die beiden Streifenpolizisten ebenfalls nicht, und Oberleutnant Gabloner, Mierts ehemaliger Chef im Wiener Sicherheitsbüro, ebenso ...

Es ist (wieder einmal) nicht "diese literarische Blutsäuferei, mehr schlecht als recht aus medizinischen Sachbüchern abgekupfert" und jene künstlich aufgebauschte Spannung, die im ermittlungstechnischen Alltag gar nicht existiert, sondern es ist der Charme der kleinen, schrägen und auch der ganz großen Schweinereien, die eher im Verborgenen ihr bizarres Spiel treiben. Es sind Figuren wie Gagamel, Goritschnig oder Madame Sybilla, welche Manfred Wieninger inspirieren.

Und der Miert und immer wieder der Miert. Der letzte seines Standes ist nicht totzukriegen. Er, mit dem leichten Hang zum Autismus, der ohne Koffein im Blut kein Mensch ist; der mit der "Anzuggröße Minivan" liebäugelt; der in einem abbruchreifen Jugendstilkasten als letzter Mieter hausend, keinen Eindruck auf nichtneurotische Frauen macht; der literarisch Belesene, für den jede Lektüre nach Winnetou eine Enttäuschung war; der sich fragt, ob der Mensch mehr als ein Häufchen Unglück ist; der glücklich mit seinem "Ford Granada Baujahr Mondlandung" ist; der in Sachen Wein ein klares Votum gegen "Angestelltenweine" zu formulieren weiß, da er eher dem tiefgründigen Bordeaux huldigt, also für "Knall und Fall" und "für den Rausch" ... und dem der "ganze asiatische Gleichmut" wenig sagt - denn  er möchte nicht im Lot sein und sich notfalls übergeben vor Angst, um die letzten Stunden seiner Existenz in aufrechtem Gang zurücklegen, bevor ihm in Gottes Namen die "rostigen Flügel" aufmontiert werden ...

Unbequem und unkonventionell ist er, und ich höre ihm gerne zu. Am liebsten zwischen den Aufträgen und zwischen den Zeilen erst recht. Eine universelle Lösung weiß Miert nicht, doch aufgeben ist ebenfalls nicht angesagt. Ein paar unumstößliche Grundsätze hat er. Fast klingt es resignierend wenn er vom Leben spricht, das irgendwann mit uns "ans Ziel" gelangt. Das hindert ihn aber nicht an seinem Bemühen, "keine Ruhe zu geben und dann und wann kräftig umzurühren".

Abseits der ausgetretenen Bestseller-Pfade steppt der Bär! "Rostige Flügel" ist das Portrait eines Individualisten, nebenbei natürlich auch ein Kriminalroman mit viel Biss und noch mehr Humor, sowie ein kritisch-ironischer Blick auf unsere Gesellschaft ganz allgemein, mit integriertem politischen Rundumschlag, insgesamt vielleicht etwas düsterer und drastischer als seine Vorgänger ... und ein ganz großes Vergnügen!

 

Thomas Lawall - Februar 2012

 

QUERBLATT-Rezensionen weiterer Bücher von Manfred Wieninger:

Der Engel der letzten Stunde
Kalte Monde
Prinzessin Rauschkind
Das Dunkle und das Kalte
223 oder Das Faustpfand

 

 

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