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Literatur

223 oder Das Faustpfand

von Manfred Wieninger


240 Seiten
© 2012 Residenz Verlag
St. Pölten - Salzburg - Wien
www.residenzverlag.at
www.manfredwieninger.com
ISBN 978-3-7017-1580-0



Die telefonische Anweisung des Gendarmeriekreises Melk am 25. April 1945, ein Judenauffanglager zu errichten, würde Gendarmeriemeister Duchkowitsch gerne ignorieren, um mit seinen Leuten weiterhin ungestört versteckte Juden aufzuspüren und weiter nach Westen zu treiben. Josef Maier, Oberbürgermeister von Persenbeug, zeigt ebenfalls keine große Begeisterung und lehnt ein derartiges Vorhaben ebenso kategorisch wie erfolglos ab, denn Revierinspektor Winkler verfügt über die notwendigen Mittel, ihn zu "überzeugen".

Im SS-Umsiedlerlager westlich von Schloss Persenbeug scheitert Winkler, auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten für das Auffanglager, an Lagerführer Fricke, der nicht im Traum daran denkt, leere Baracken zur Verfügung zu stellen. Nicht willens, sich mit dem "Paradearier" anzulegen, fahren der Revierinspektor und Korporal Soukop auf ihren Steyr-Waffenrädern und mit Karabinern bewaffnet in Richtung einer nahe liegenden Dauerbaustelle weiter. Seit vier Jahren versuchten Ingenieure mit Hilfe von ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern an der Strombeuge westlich des Schlossberges von Persenbeug mit mehr oder weniger kläglichem Erfolg ein Donaukraftwerk zu errichten.

Aus den Plänen der Rhein-Main-Donau AG wurde nichts und längst waren die Zwangsarbeiter ins Konzentrationslager Mauthausen gebracht worden. Die drei Kraftwerksbaracken waren aber noch vorhanden, wenn auch in einem katastrophalen Zustand. Da der zuständige Bürgermeister von Hofamt Priel keine Einwände hegt, hat Winkler nunmehr die erforderlichen Räumlichkeiten gefunden und sofort den Kommandanten des Volkssturms in Persenbeug beauftragt , die Bewachung des künftigen Lagers sicherzustellen. Auch in diesem Fall muss er wieder einen ganz und gar nicht begeisterten Antisemiten auf seine ganz spezielle Art und Weise überzeugen, den Anweisungen Folge zu leisten.

Am 25. April 1945 übernimmt Winkler an der Gemeindegrenze zwischen Gottsdorf und Persenbeug 125 ungarische Juden, welche sich in einem erbärmlicheren Zustand befinden, als er es sich zunächst vorstellen konnte. Abgemagerte Gestalten in Lumpen gehüllt, schleppten sich mit letzter Kraft in das Lager, und es sollten nicht die letzten sein ...

Auch in Ungarn hatten die Juden keinen guten Stand. Der Wehrdienst mit der Waffe wurde ihnen versagt. Innerhalb der militärischen Hierarchie befanden sie sich auf der untersten Ebene und hatten somit in den Ausbildungskasernen selbst gegenüber einfachen Soldaten nicht die geringsten Rechte. In den Krieg gegen die Sowjetunion durften sie aber mitziehen. Die 50.000 nicht Uniformierten und Unbewaffneten mussten sich um die Sicherheit der ungarischen Truppen kümmern, schwerste Arbeiten erledigen, Minenfelder räumen und starke Verluste als Selbstverständlichkeit hinnehmen ...

Das schauerliche Drama begann am 2. Mai 1945 gegen 22.30 Uhr. Unter einem Vorwand zwang man die Lagerinsassen vom unbewachten Auffanglager in Hofamt Priel, in drei Gruppen und in einem Abstand von ein bis zwei Stunden zu einem knapp 20minütigen Fußmarsch. Das acht- bis zehnköpfige SS-Rollkommando wählte passende Geländeeinschnitte, um die drei Gruppen hilf- und wehrloser Menschen gnadenlos zusammenzuschießen, sie anschließend mit Benzin zu übergießen und zu verbrennen. Zwischen Männern, Frauen, Alten und Kindern machten sie keinen Unterschied. Die restlichen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter starben gegen vier Uhr morgens. Es waren die Gehunfähigen der insgesamt 223 Insassen und es waren auch Kinder. Aber es gab Überlebende ...

Manfred Wieninger hat eine Zeitreise sowie den erfolgreichen Versuch unternommen, sich in die Situation jener Menschen zu versetzen, denen das Menschsein und jede Form von Menschlichkeit versagt wurde. Dementsprechend nüchtern und der Sache verbunden, reduziert sich seine Sprache im Gegensatz zu seinen anderen Werken, wie z. B. den Kriminalromanen rund um die fiktive Figur des Diskontdetektivs Marek Miert, auf das nötigste Maß, gewinnt dadurch in der erschütternden Mischung aus Bericht und Fiktion aber ein Vielfaches an Intensität.

Die furchtbaren Realitäten von damals leben wieder auf und entfalten ein Bild des Schreckens. Es muss jemand da sein, der auf diese Weise erinnert und den Menschen, die ihr Leben nicht leben durften, so etwas wie ein Andenken erstellt. Längst hat man sie vergessen oder will sie vergessen oder am liebsten gar nichts mehr von ihnen hören. Manfred Wieninger sieht das anders. Er zeigt die Menschen hinter dem Drama und wichtiger noch mehr: er nennt ihre Namen!

Aus unserer Gegenwart heraus erfahren und erleben wir ein Stück lebendige Geschichte und wieder einmal auf sehr bestürzende Art und Weise, zu welchen Taten Menschen immer und immer wieder fähig waren (und leider immer noch sind). Hoffnung besteht ja einerseits nicht viel, andererseits sollte man sie nicht aufgeben. Wenn ein Buch wie "223" die Gegenwart nur etwas beeinflussen oder sogar ein klein wenig ändern könnte, wäre viel erreicht!

 

Thomas Lawall - Juni 2012

 

QUERBLATT-Rezensionen weiterer Bücher von Manfred Wieninger:

Der Engel der letzten Stunde
Kalte Monde
Rostige Flügel
Prinzessin Rauschkind
Das Dunkle und das Kalte

 

 

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