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Literatur

Der Engel der letzten Stunde

von Manfred Wieninger


188 Seiten
Unionsverlag Taschenbuch 393
© by Haymon-Verlag 2005
© by Unionsverlag 2007
www.unionsverlag.com
ISBN 978-3-293-20393-8



Also, wenn einem so viel Gutes wird beschert, dann ist das durchaus einen weiteren Wieninger wert! Der nun vorliegende Roman um den cholerischen Ex-Polizisten Marek Miert ist für mich, nach "Kalte Monde" und "Prinzessin Rauschkind", der dritte Roman des östereichischen Krimiautors. Das ist insofern ein sehr netter Zufall, da "Der Engel der letzten Stunde" tatsächlich auch der dritte Band in der Miert-Reihe ist! Bekanntlich wussten mich die beiden genannten Bücher (Band 4 und 6)  dieser erstaunlichen Reihe außerordentlich zu begeistern, was mit "Der Engel der letzten Stunde" nicht anders sein sollte ...

Ich wollte das Buch zunächst, wie es sich gehört und der Reihe nach, dem vorhandenen noch zu lesenden Stapel unterordnen, doch dem Buch wollte dies gar nicht gefallen. Es leistete stillen, aber heftigen Widerstand! Mir gefiel die Situation ebenfalls nicht und so entwendete ich es klammheimlich und mitten in der Nacht. Einen Blick könnte ich ja riskieren und das Werk dann ganz schnell wieder verschwinden lassen, um nicht auch noch den Unmut der anderen Bücher zu provozieren.

Es gelang natürlich nicht! Wortgewaltig und verliebt in seine eigene Formulierungskunst schraubte mich Manfred Wieninger schon in den ersten Zeilen erneut in seinem Szenario in und um "Harland" regelrecht fest. Es ist inzwischen so weit gekommen, dass ich diese sehr persönliche und absolut individuelle Art zu schreiben sehr viel langsamer genießen möchte und somit sehr gerne die eine oder andere Seite sowie das eine oder andere Kapitel gleich noch einmal wiederhole. Zu schnell wäre mir der Genuss dieser Zeilen verflogen. Einen echten Wieninger muss man genießen wie einen guten alten Wein!

Einmal mehr spielt die eigentliche Geschichte eine untergeordnete Rolle. Sie ist eher schmückendes Beiwerk in Wieningers messerscharf formulierten Millieu- und Charakterstudien, und somit schnell skizziert. Der schwerkranke Kommerzialrat Schieder bietet "Diskontdetektiv" Miert einen Auftrag an, den er nicht ablehnen kann. Das täglich zu entrichtende Honorar würde seinem arg gebeutelten Gehaltskonto gut tun. Ausfindig zu machen ist die 11-jährige Helene Kafka, die vor einigen Wochen auf dem Weg zur Schule spurlos verschwunden ist. Die zuständigen Behörden sowie eine private Detektei tappen im Dunkeln. Marek Miert zunächst ebenfalls. Es ist ja nicht einmal klar, welches dringende Interesse der 92jährige Kommerzialrat in diesem Fall hat, da er in keinerlei verwandtschaftlicher oder sonstiger Beziehung zu dem Mädchen steht. Vermutlich kennt er sie nicht einmal, doch ehe sie nicht gefunden wird, möchte er auf keinen Fall sterben ...!

Marek Miert beginnt dort, wo man beginnen muss. Die Mutter des Mädchens ist aber weder sehr kooperativ noch ein sehr helles Licht auf dieser Welt. Der Stiefvater scheint auf der nach unten offenen Leiter der menschlichen Abgründe noch einige Stufen darunter zu stehen. Diese katastrophalen Persönlichkeiten sind wahrlich keine große Hilfe - man fragt sich sowieso, angesichts der vom Autor schonungslos skizierten Schilderungen der näheren Lebensumstände, wie in einem derartigen Milieu überhaupt irgendetwas funktionieren kann.

An einer heruntergekommenen Imbissbude gibt es einen ersten konkreten Hinweis. Der Besitzer glaubt gehört zu haben, auf welche Weise Helenas Mutter ihre Schuldenberge abzutragen gedenkt. Die jugendlichen Reize ihrer minderjährigen Tochter spielen hierbei eine tragende Rolle. Nun kennt Marek Miert kein Halten mehr, und nach einigen Schrecksekunden kehrt sein jetzt vor Wut rasender Tatendrang zurück ...!

Auch wenn es das Leben nicht immer gut mit Miert gemeint hat, ist sein Sinn für Gerechtigkeit und die Liebe zu den Menschen ungebrochen (auch wenn dies nur auf den zweiten Blick zu erkennen ist). Er haust in einem dem Abbruch geweihten Mietshaus unter nicht gerade sehr angenehmen Umständen. Fast alle Parteien sind bereits ausgezogen und kein Hausmeister kümmert sich noch um das marode Gebäude. Doch genügsam wie er ist, kann ihn kein Unbill so schnell vertreiben. Selbst was den kümmerlichen Zustand seines Etablissements betrifft, bleibt er die Ruhe selbst. Auch wenn er beispielsweise seine Weinsammlung unter dem Waschbecken eines fensterlosen Minibads unterbringen muss. Die selbstgebastelte Einbauküche aus "Sperrholz und Spucke", die nur noch durch eine große Zahl zusätzlich eingetriebener Nägel, Schrauben und Klammern zusammengehalten wird, kann ihn ebenso wenig zur Verzweiflung treiben wie der Tapeziertisch, den er einst in einem Schuppen fand, neu lackierte, und der fortan als "Esstisch und Vorratsraum in einem" seine Wohnschlafküche ziert.

Lieber schwelgt er in Erinnerungen an seine Jugend. Da war zum Beispiel jener Pathologie-Sezierkurs, der seinen beruflichen Werdegang nicht unwesentlich beeinflusste. Als praktizierender Arzt hätte er wohl einen eigenen Friedhof gebraucht ...!
Oder er stellt sich Fragen grundlegender Natur, indem er seinen Schöpfer fragt, warum er ewig schweigt und statt dessen seine "Staubgeburten" das große Wort führen!
Auch über Leben und Tod sinniert er, fragt sich, ob es denn am Ende mehr war als nur "der namenlose Tanz abgekippter Müllsäcke den Abhang einer Deponie hinunter".

"Der Engel der letzten Stunde" ist ein Kriminalroman um ein Verbrechen gegen jede Menschlichkeit - wie immer gnadenlos beobachtet von Manfred Wieninger, der keine Gelegenheit auslässt, um seine nahtlos in die Handlung integrierten Breitseiten gegen "Teufel in gutbürgerlichen Anzügen" abzufeuern. Sein Miert ist ein Original. Ein notorischer Einzelgänger. Er hätte gute Anlagen, depressiv oder völlig verrückt zu werden. Doch der Moralist in ihm - der "Tugendterrorist" - wirft stets den rettenden Anker. Auch sein Humor hält ihn am Leben.

Und das Ziel: Ein klein wenig Gerechtigkeit, vielleicht.

 

Thomas Lawall - Juli 2011

 

QUERBLATT-Rezensionen weiterer Bücher von Manfred Wieninger:

Kalte Monde
Rostige Flügel
Prinzessin Rauschkind
Das Dunkle und das Kalte
223 oder Das Faustpfand

 

 

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