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Doppel-Blind-Review Nr. 1

Vor einiger Zeit hatte Carsten die Idee mit den Blind Reviews und schickte Thomas den ersten gebrannten Silberling ohne Beschriftung (Blind Review Nr. 1). Thomas revanchierte sich natürlich umgehend (Blind Review Nr. 2). Da diese Blind Reviews einen besonderen Reiz darstellen, kam ich auf die Idee, den beiden “Kontrahenten” mal ein und dieselbe Scheibe einer für sie unbekannten Band vorzulegen, über die ich vor kurzem zufällig im Internet bzw. wieder mal in MySpace “gestolpert” war.
Hier nun das Ergebnis dieses 1. Doppel-Blind-Reviews:

 

 

 

Interpret, Albumtitel und Erscheinungsjahr sind (mir) nicht bekannt



Was sind mir anfangs nicht für gewaltige Assoziationen bei den ersten Hörversuchen dieser Scheibe gekommen: Vulkanausbrüche, kosmische Katastrophen, Seebeben oder gar das Ende aller Tage an sich. Kein Wunder, denn an Intensität mangelt es dem Machwerk sicherlich nicht. Andererseits ist es auf Dauer kaum hörbar, wenn man sich gern die geistige Gesundheit erhalten will (sofern vorhanden)...
Ich frage mich, ob wir es hier mit einem zu 99 % aus synthetischen Klängen zusammen geschraubten Teil zu tun haben, oder es eventuell doch Gitarren sind, die mit extremer Verzerrung und Verfremdung eingespielt wurden. Bei den Drums jedenfalls bin ich mir ziemlich sicher, dass sie nicht organischen Ursprungs sind. Wie auch immer, der Sound kommt äußerst kalt und unangenehm, was der Atmosphäre des Dargebotenen durchaus dienlich ist.

Zunächst lässt sich das Ganze sphärisch-ruhig an, fast Pink-Floyd-artige Klänge lassen nichts vom drohenden Ungemach erahnen. Doch schon bald schleicht sich eine latente Bedrohung unter die Soundflächen, bis die instrumentale Lautmalerei anschwillt zu einer gewaltigen Kakophonie, in der Melodie und Rhythmus gnadenlos zermalmt werden. Und schon türmen sich die Berge des Wahnsinns vorm geistigen Auge auf, wo man sich doch gerade noch anschickte, in astralen Weiten zu schwelgen. Zum Glück gibt es eine Rückkehr zu ruhigen Strukturen, doch die Stille währt nicht lang, denn mammutartiges Brachialgestampfe dröhnt Track 1 nach über 23 Minuten ins Nirwana.

Auch im zweiten Abschnitt wird man zunächst ziemlich eingelullt und sogar eine menschliche, sanft-zerbrechliche Stimme wagt sich an die Oberfläche. Nach langem Dahinplätschern dann wieder das bereits bekannte, kranke Spielchen: Unser Kumpel Inferno gibt sich ein Stelldichein. Nachdem sich der Borderline-Komponist einige Minuten ausgetobt hat, folgt ein ruhiger Teil, bevor wir diesmal überraschend entspannt der Doomwalze bei der Arbeit zuhören dürfen. Die Nummer zwei bringt es so übrigens auf 27,5 Minuten.

Und was erwartet uns im dritten und letzten Teil? Genau, eine nochmalige Steigerung in mehrerlei Hinsicht. Diesmal übernimmt eine geschraddelte Akustikklampfe die Rolle der Einlullerin, unterstützt von zurückhaltenden, leisen Vocals. Plötzlich, wie bisher in dieser Brachialität noch nicht vernommen, bricht die bereits bekannte Walze übers Geschehen herein, heidewitzka! Sie bügelt uns ausgiebig glatt; dann dürfen wir uns bei erneutem Geschraddel erholen, bevor das Spiel von vorn beginnt. Gerade als es echt langweilig zu werden droht, setzt es mal wieder eine reine Lärmattacke. Aber nun will es der Meister uns so richtig besorgen: Eine geschlagene Viertelstunde lang werden wir mit einem noisigen Inferno apokalyptischen Ausmaßes drangsaliert. Das ist wirklich heftig, Nerven zerbröselnd, grenzwertig, noch nicht mal jugendfrei und geradezu gefährlich. Spielt das in ohrenbetäubender Lautstärke einem Menschen auf Schlafentzug vor, und er gesteht alles... Wenn eine handelsübliche CD mehr als 80 Minuten fassen würde, das Martyrium fände wohl nicht "bereits" nach einer knappen halben Stunde sein erlösendes Ende.

Nicht unbeeindruckend, diese Ausgeburt. Ob ich sie mir aber jemals nochmal freiwillig antun werde, wage ich zu bezweifeln.

 

Carsten Buchhold - März 2008

 

 

 

Interpret, Albumtitel und Erscheinungsjahr sind (mir) nicht bekannt



Als Kind habe ich mich immer gefragt, wie das so wäre, wenn man die Grenzen des Weltalls erreichen würde. Meine naive Neugier konzentrierte sich vor allem auf das, was wohl dahinter sein möge. Was kommt nach dieser absoluten Grenze? Ist da noch etwas oder einfach gar nichts mehr? Kein noch so schlauer und gebildeter Kopf konnte mir darauf bis heute eine zufriedenstellende Antwort geben. Nicht wenige behaupten gar, es gäbe eine solche Grenze gar nicht. Das Weltall sei halt unendlich. Basta.

Da bin ich leider anderer Meinung, denn alles hat irgendwie und irgendwann ein Ende. Die Frage, was dahinter kommt, bleibt also bestehen. Doch nunmehr ist sie beantwortet. Auf ebenso wundersame wie musikalische Art und Weise.

Die mir vorliegende Platte zeichnet eine Ahnung dessen, was nicht mehr in Bildern zu begreifen ist. Die Dinge, die wir sehen, trügen oft unsere Sinne und wir brauchen bildhafte Vergleiche, um uns das Unerklärliche zu erklären bzw. in unsere niedere Begrifflichkeit zu übersetzen. Aber für das, was nach einer imaginären Unendlichkeit kommt, fehlen uns alle Ansätze irgendwelcher Parameter. Dieses Nichts ist nicht zu begreifen ...

... aber diese Musik beschreibt das Unmögliche. Ein erlebbares Szenario. Bilder gibt es im Nirgendwo nicht, aber es gibt ein Gefühl und eine Stimmung. Und diese ist leer, ziellos und erfüllt von kaltem Grausen! Diese markerschütternde Keyboard-Phantasie kommt sicherlich ohne Beispiele aus, erinnert aber sofort an die Kollegen von THE 3RD AND THE MORTAL, die 1996 mit "Painting on glass" ganz ähnliche Gefilde betreten haben. Allerdings kommt der vorliegende Geniestreich mit ungleich weniger Abwechslung und Kontrasten aus. Ein monumentaler Gleichklang von völlig anderer Gnaden und unbarmherziger Wucht.

Songstrukturen im herkömmlichen Sinne darf man vergeblich suchen. Diese werden durch kilometerhohe Keyboardwände erschlagen und nach Absurdistan entführt. Bleischwere Klangriesen stürzen durch ein ödes Vakuum und verlieren sich in gähnender Leere. Nie gehörte Geräuschkulissen führen auf verwunschenen Pfaden zu den Wurzeln unserer Wahnvorstellungen.

Grausige Tonsalven spielen im dritten (Long-)Track mit introvertiertem Minimalismus Verstecken und erschrecken uns, so ganz nebenbei, fast zu Tode! Der Sinn unseres Daseins ist nicht existent und steht auch gar nicht zur Debatte. Hier geht es um weniger und viel mehr ... ! Wir erfahren, wie es vor dem Urknall war und was am Ende aller Zeit kommt. Wer die Ungeheuerlichkeit dieses Werkes zu begreifen vermag, dem wird es ein Trost sein. Wie ein Netz aus Träumen, das vor dem freien Fall schützt. Wer die Gebirge aus Zeichen nicht zu deuten vermag, wird elendig zerdrückt werden und sich in ewiges Entsetzen flüchten.

Ich will mich in diesem ersten Doppel-Blind-Review insofern aus dem Fenster lehnen, indem ich der Behauptung Ausdruck verleihen will, dass hier ein fundamentaler Einzelkämper am Werke ist. Das ist keine Band und schon gar nicht im herkömmlichen Sinne. Da  musiziert ein völlig druchgeknallter Egomane an den Tasten und zwar dass es kracht. Mit einem einzigen Ton vermag er die Welt aus den Angeln zu heben. Er komponiert für sich selbst und auf eine Art und Weise, als ob es den Rest der Welt gar nicht geben würde ...

Fazit: Fluten aus Irrlicht, Angst und Wahnsinn.

Bewertung: 12/12

Thomas Lawall - März 2008

 


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