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Blind Review Nr. 2

Interpret, Albumtitel und Erscheinungsjahr sind (mir) nicht bekannt



Den Beginn dieser Scheibe hielt ich zunächst für 'ne Aufwärmübung der Chanteuse, bei der sie a cappella schwer einen vom Matterhorn jodelt. Mittlerweile seh' ich das Intro aber durchaus als Anfang des Trips, auf den sich die Holde anschickt zu begeben. Ein Erwachen der geschundenen Seele ist der Weckruf, der beinahe fließend in ein mit elektronischen Beats unterlegtes Stück übergeht, in dem die Frau erstmal etwas relaxter anfängt zu erzählen. Irgendwie muss ich dabei an Anne Clark denken, obwohl ich von dieser nur einen Titel schemenhaft kenne, weiß der Geier!

Unsere Protagonistin scheint aber weit mehr Probleme zu haben, als mutmaßlich die gute Anne, nach ihren beginnenden vokalen Entgleisungen zu urteilen. Leider versteh' ich kaum etwas von den englischen Texten, doch ums Topfschlagen beim 5. Geburtstag ihrer Nichte dreht es sich eher nicht. Track drei katapultiert uns ohne Umschweife aus der Lesbo-Grufti-Disse in eine unheilige Messe, während derer wir von Frau Pfarrerin aufs Eindringlichste ins Gewissen geredet bekommen. Der Organist darf dabei seinem Hang zum leicht hurzigen Barjazz nachgehen und klimpert ansatzweise extravagant zur Predigt. Welche am Ende zunehmend Furcht einflößt...

Standen wir etwa gerade vorm jüngsten Gericht? Möglich wär's, denn in der nächsten Einstellung torkeln wir im Zwielicht durch gottverlassene Ruinen. Die Lesben von vorhin bekommen nebenan die gleiche Beschallung und starten teilweise in eine schizophrene Schmuserunde, wonach unsereins momentan ganz und gar nicht der Sinn steht. Keine Ahnung, ob es aus diesem endzeitlichen Labyrinth einen Ausgang gibt - doch was ist das? Eine letzte Vision glücklicher Zeiten als unschuldiges Kind auf dem Jahrmarkt? Irgendwie tröstlich ist es schon, diese Kirmesorgel zu vernehmen, auch wenn die MarktschreierInnen wie immer ziemlich penetrieren. Verdammt, diese Wahnsinnige ist ja auch dabei und preist ihre Geisterbahn in immer schriller werdenden Tönen. Kann die sich nicht mal einkriegen? Klar, wir haben "Holiday", da gehört die Berg- und Talbahn ja schon zum Standardprogramm. Scheiße, die Alte rastet nun aber völlig aus, läuft Amok, das Blut spritzt, Eingeweide segeln vorbei, ich hab Angst!

Szenenwechsel. Die Frau aus der Heizung (remember Eraserhead?) hockt allein samt Klavier auf der samtenen Bühne und spielt die Musik aus "Onkel Toms Hütte". Nur der Text klingt irgendwie anders, oder haben schon die Baumwollsklaven die acht Beine des Teufels den Rücken rauf kriechen gespürt? Möglich wär's. Der Leibhaftige bleibt jedenfalls weiterhin Hauptthema. Unsere Stimmbandakrobatin lässt jetzt wieder einen entspannteren Beat auflegen, geht vielleicht etwas in sich, aber aus dem Film kommt sie natürlich nicht mehr raus. Immer wieder gehen die Dämonen kurz mit ihr durch, wobei ihr Kopf sich seltsam verwandelt wie damals beim Vorspann für den Fantastischen Film im ZDF. Das Ende verdeutlicht nur zu klar: Das Schätzchen muss besessen sein. Von wem oder was, weiß ich nicht, aber vor nicht allzu langer Zeit hätte man ihr garantiert den Exorzisten auf den Hals gehetzt.

Uff, ganz schön harter Tobak wird hier kredenzt. Beim ersten Hören war ich ziemlich entsetzt und recht sicher, dass dieses Gerät von mir nur 'nen Verriss würde ernten können. Nach zwei oder drei Durchläufen sah die Sache aber schon anders aus, denn dieser avantgardistische Ausflug in Madames Abgründe offenbarte zunehmend diverse Reize. Die Frau tiriliert wie 'ne durchgeknallte Operndiva, faucht, zischt, spricht, holt alles aus ihren Stimmbändern raus - nur ihre "normale" Gesangsstimme bekommt man fast nie zu hören. Aber das schert sie mit Sicherheit einen feuchten Kehricht, denn hier ging es nicht darum, ein paar Liedchen aufzunehmen. Die Lady brauchte diese Session wahrscheinlich als Katharsis, um ihre Neurosen zu therapieren, oder so ähnlich. Beeindruckender Stoff, den ich mit nahezu nichts mir Bekanntem vergleichen kann. Sicher ist nur, dass man selbst starke Nerven braucht, um mit den Kreationen irgendwie warm zu werden.

Komischerweise weiß ich wahrscheinlich, um welche Künstlerin es sich handelt. Da gibt es nämlich ein Stück von ihr (?) auf dem mir vorliegenden schrägen Sampler "Dead & Gone #2", obwohl mein erster Gedanke der darauf folgenden Serbischen Totenklage galt - wer weiß, welche dunklen Mächte mich zu dieser Stelle geführt haben...

 

Carsten Buchhold - Januar 2008

 

 


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