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Literatur

Jahre des Jägers


von Don Winslow


992 Seiten
© 2019 Don Winslow
© 2019 der deutschsprachigen Ausgabe Droemer Verlag
www.droemer.de
ISBN 978-3-426-28219-9



2012. Art Keller wohnt seit einigen Tagen in Juárez. Der mächtigste aller Drogenbosse lebt nicht mehr, ist Vergangenheit. Was würde nun geschehen - er weiß es nicht. Die Vergangenheit holt ihn wieder ein, als "Crazy Eddie" Ruiz, der ebenso berüchtigte wie völlig skrupellose Dealer, vor der Haustüre steht und ihn in seine etwas schrägen Zukunftspläne einweiht. Und er ist nicht allein ...

Seit gut vier Jahrzehnten ist der amerikanische Drogenfahnder maßgeblich im Kampf gegen die Drogenflut aus Mexiko beteiligt und mit Adán Barreras Tod scheint ein Schlusspunkt gesetzt. So jedenfalls endet "Das Kartell", welches nach dem ersten Band der monströsen Trilogie mit "Tage der Toten" so furios begann.

Keller lebt fortan in einer Art Zwischenwelt. Nebenbei kümmert er sich um einen traumatisierten jungen Erwachsenen, der an einer Bewusstseinsspaltung leidet. Bereits als Zwölfjähriger war er als unbarmherziger Killer der "Narcos" im Einsatz. Seine Beziehung zu der Medizinerin Dr. Marisol Cisneros, der Bürgermeisterin von Valverde, intensiviert sich. Es bleibt jedoch bei gemeinsamen Essen und Spaziergängen. Abends und in der Nacht ist er allein. Sein Leben folgt "einem traumaähnlichen, surrealen Rhythmus".

Das Geschehen erfährt eine entscheidende Wende, als Art Keller zum Direktor der "DEA" (Drug Enforcement Administration) berufen wird. Nicht die Vielzahl der jetzt erforderlichen Absprachen mit Behörden, Institutionen sowie Organisationen und Vertretern auf politischer Ebene sind nun das neue Problem, sondern Arts Pläne, wie fortan gegen die "Heroinschwemme" angegangen werden soll. Seine neuen Ideen stehen im krassen Widerspruch zu den bisherigen Strategien. Lösungen sucht er fortan nicht in Mexiko, sondern in den USA. Das wird auf allen Ebenen größtmöglichen Ärger geben.

Sogar bis ganz nach oben, wo sich gerade ein gewisser "Dennisson" stark macht und seine Kandidatur zum Präsidenten der Vereinigten Staaten androht. Der Immobilienmagnat und Reality-TV-Star könnte alle Pläne vereiteln, würde er tatsächlich gewählt werden ...

Die zitierten Vorgänger zu lesen ist von Vorteil, da diese den dritten Band wie ein Fundament tragen. Und dies bezieht sich nicht nur auf die zahllosen Ereignisse der Geschichte selbst, sondern auch und vor allem auf die damit verbundene, ganz spezielle Stimmung, die Don Winslow so nachhaltig vermitteln konnte. Für Puristen also ein Muss. Zwingend notwendig ist es insofern aber nicht, da der Autor in zahllosen, nahtlos eingebundenen Rückblenden die wichtigsten Begebenheiten einbaut und nacherzählt. Es funktioniert, ersetzt allerdings Teil eins und zwei nicht wirklich.

Die Vielzahl der Charaktere kann diesmal etwas verwirren, ja fast überlasten. Wenn Leserinnen und Leser dergestalt straucheln sollten, kann das im Anhang beigefügte Personenregister Abhilfe schaffen. Etwas Nachhilfe für entgangenen Erdkundeunterricht liefert zudem eine Karte der mexikanischen Bundesstaaten. Dennoch wirkt das Buch überladen und hat somit schwer an der eigenen Last zu tragen. Wenn sich immer mehr "Nebenkriegsschauplätze" entwickeln, wird es schwierig, dieser immer komplexer werdenden Geschichte und ihren zahllosen Verzweigungen noch zu folgen.

Welchen Umfang Winslows Recherchen haben, ist schwer zu ermessen. Vermutlich kann er auf ein stattliches "Archiv" zurückgreifen. Im Kleinen wie im Großen. Extrem "vielschichtig" wäre in diesem Fall keine leere Phrase, denn von der genauesten Beschreibung der Herstellung eines "Schusses", über den Alltag von Junkies ganz allgemein, bis hin zu strukturellen Voraussetzungen und organisatorischen Details bezüglich Anbau, Herstellung und Vertrieb des reichhaltigen Angebots ist alles vertreten. In jenen Kapiteln erreicht das Buch fast sachbuchartigen Charakter ... 

Mit Adán Barrera als Kopf des Sinaloa-Kartells war eine gewisse Stabilität garantiert, doch nach seinem Tod werden die Karten neu gemischt. Er hat Söhne, und diese wiederum haben neidende Konkurrenten. Und so geht es die Hühnerleiter hinunter bis zum Krieg in den Anbaugebieten. Dort geht es um vergleichsweise lächerliche Geldsummen, was Bauern und entsprechende Widersacher aber keineswegs davon abhält, sich ebenfalls gegenseitig zu bekriegen.

Winslow zeichnet das monströse Sittengemälde eines durch und durch kranken Systems, dessen marode Strukturen erstaunlicherweise immer noch und weiterhin funktionieren und denjenigen die Taschen im Übermaß füllen, die sich immer wieder neu formieren und den jeweiligen Gegebenheiten, wie durch Zauberhand, anpassen.

Das System wäre in der Theorie mehr oder weniger leicht zu kippen, wenn die Voraussetzungen aus der Welt geschafft wären. Ob jedoch an einer wirklichen Beseitigung der gesellschaftlichen Ursachen Interesse besteht, muss ganz unverbindlich in Frage gestellt werden. Wer hat schon Interesse an einem grundlegenden Umbau extrem lukrativer Strukturen ...

Wie auch immer ... auch wenn die atmosphärische Dichte der Vorgänger, insbesondere des ersten Bandes, nicht erreicht wird, ist und bleibt die Trilogie eine ganz große Oper. Die ebenso gewaltige wie gewalttätige Geschichte um "Rache, Gewalt, Korruption" und das, was man so leichtfertig "Gerechtigkeit" nennt, wurde vielleicht nie so punktgenau erzählt. Dies alles als ungeheuer spannend zu bezeichnen wäre eine maßlose Untertreibung ...

 

Thomas Lawall - Juni 2019

 

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