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Literatur

Die Angst der Schweigenden

von Nienke Jos


310 Seiten
© 2021 - Gmeiner-Verlag GmbH
www.gmeiner-verlag.de
ISBN 978-3-8392-2720-6



Der Klappentext gibt Rätsel auf. Jedenfalls der auf der Rückseite des Einbandes. Leicht verstörend lädt er dazu ein, ihn gleich mehrfach zu lesen. Was soll das für ein Leben sein, das keine Zufälle kennt? Und was hat es mit jenem Verhör auf sich, welches "keins sein darf"? Einer momentanen Sprachlosigkeit folgt unbändige Neugier, sich auf Nienke Jos' drittes Werk einzulassen.

Abtauchen wäre richtiger ausgedrückt, denn nachdem die Spannung bereits vor dem Öffnen des Buches ein gewisses Level erreicht hat, stürzt man im ersten Kapitel in das Leben der Statikerin Inna Lies - und zwar gewissermaßen von Anfang an! Als wenn das nicht schon ungewöhnlich genug wäre, bleibt man schon in der fünften Zeile an einer gewaltigen Metapher hängen, die man ebenfalls gerne wiederholt lesen möchte, bevor sich das Bild in seiner ganzen Wucht entfalten kann.

Und das geht munter weiter so. Ganz unvermittelt tauchen im weiteren Verlauf immer mehr Rätsel auf und widersetzen sich vehement einer Zuordnung. Klar ist hier einzig die bedrohliche Stimmung, die alsbald zu einer eisigen mutiert. Nein, nein, kein Mord und Totschlag. Noch nicht. Es geht auch anders, denn die Wahlwiesbadenerin verfolgt diesmal andere Ziele.

Die Geschichte beginnt zunächst etwas unübersichtlich, und schon sind die nächsten Fragen da. Was hat es mit diesem rätselhaften Igor auf sich, der Inna in einem Schneesturm begegnet. Während langsam die Gewissheit entsteht, dass dies kein Zufall sein kann, entwickelt sich parallel eine ganz andere Geschichte. Oder sind es Erinnerungen, ein Rückblick gar? Diese Gesamtsituation beunruhigt mit einem gewissen Potential, aber es kristallisiert sich so nach und nach heraus, dass die eigentliche Bedrohung irgendwie nicht akut zu sein scheint - sie ist eher alt und etabliert!

Realität, Traumsequenzen und Zeitabläufe beginnen sich zu überlagern, und man muss es erst lernen, diesen raffinierten Konstruktionen zu folgen. Nienke Jos ist schneller geworden, präziser, und das sind mindestens zwei Gründe, sich nach dem fulminanten Doppelschlag der beiden vorangegangenen Bücher auf ein völlig anderes Szenario einzulassen. (Wer "Die Einsamkeit der Schuldigen - Das Verlies" und "- Der Abgrund" nicht kennen sollte, darf und sollte trotzdem schleunigst zugreifen.)

Inhaltlich soll nichts weiter verraten werden, vielleicht zu den Personen noch etwas. Eine umständliche Charakterisierung wird man nicht finden und hoffentlich auch nicht suchen. Nienke Jos zaubert Bilder ihrer Protagonisten durch markante Dialoge. Manchmal gespielt beiläufig und ahnungslos, mal ungläubig wutentbrannt, aber auch nicht selten bizarr und leicht angeschrägt. In jedem Fall wirken die Dialoge wie mit der Nagelfeile präzisiert. Das liest sich mitunter wie ein Drehbuch. Filmreif in jedem Fall.

Und noch eines soll verraten werden. Das Buch hat ein Ende. Das ist an sich nichts Besonderes. Dieser Schluss aber schon!

 

Thomas Lawall - März 2021

 

 

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