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Literatur

Die Einsamkeit der Schuldigen - Das Verlies

von Nienke Jos


508 Seiten
© 2019 Gmeiner Verlag GmbH
www.gmeiner-verlag.de
ISBN 978-3-8392-2390-1



Der Beginn der Geschichte ist wie kein anderer. So, wie das ganze Buch wie kein anderes ist. Der Prolog spielt im Jahr 1988 und verheißt absolut nichts Gutes. Die Welt eines namenlosen Kindes zerbricht. Für immer. Bereits jetzt wird klar, dass Nienke Jos weder leichte Kost im Sinn hat, noch blasse und grob gezeichnete Charaktere und Situationen anbieten möchte.

Stattdessen stellt sie Personen und Handlungen auf eine Art und Weise vor, die sich in ihrer Direktheit und Präzision von den Werken der großen Masse der Kolleginnen und Kollegen maßgeblich unterscheiden. Deshalb hindert sie auch nichts daran, noch einen zweiten Prolog nachzuschieben. Dreißig Jahre später ereignet sich, in einem real existierenden Café mitten in Wiesbaden, nicht minder Entsetzliches.

Der weitere Verlauf gestaltet sich zunächst ebenso "ruhig" wie umfangreich. Es werden viele Figuren vorgestellt. Weder die Personen noch ihre Lebensumstände haben offenbar das Geringste miteinander zu tun. Das könnte sich für einzelne Leser/innen durchaus etwas anstrengend erweisen, da man doch immer wieder sortieren muss, mit wem man es nun gerade wieder zu tun hat.

Somit unterscheidet sich auch die formale Struktur von anderen Werken ganz erheblich, in denen zwar ebenfalls mit Rückblenden und Standortwechseln gearbeitet wird, jedoch nicht in dieser Intensität. Diese Geschichte bietet Raum für Darsteller mit Profil. Sie haben ein Gesicht und ein nachvollziehbares Leben. Egal ob es sich um Junia, die ihr Geld als "Mountainbike-Guide" verdient, und sich nach einem längeren Aufenthalt in Griechenland im Allgäu niedergelassen hat, um den Wiesbadener Psychiater Theodor Stein, der mit seinen allgemeinen Lebensumständen alles andere als zufrieden ist, oder jenen Unbekannten, der sich auf der dringlichen Suche nach einer Waldhütte und Erfüllung seiner Phantasien befindet, handelt.

Nach dem bizarren Vorgang zu Beginn passiert in der Realität lange wenig, jedoch in der Möglichkeitsform sehr viel! Zunächst muss aber die genannte Vorstellung des Ensembles wie ein überlanger Vorspann zu einem monumentalen Psychothriller ablaufen, der sich langsam aber sicher wie ein Schwelbrand ausbreitet, um die ganze Szenerie unaufhaltsam in ein einziges Chaos zu verwandeln.

Nienke Jos schreibt nicht um den heißen Brei herum, sondern weiß die dunkelsten Bereiche todkranker Seelen bis ins Detail auszumalen. Überlange Selbstgespräche und die damit verbundenen, ambivalenten Erwägungen und Selbstbetrachtungen sind hier Mittel zum Zweck. Die sich daraus entwickelnden praktischen Umsetzungen umgeht sie allerdings ebenfalls nicht, weshalb diese mitunter an die Grenze der Erträglichkeit und darüber hinaus führen.

Klartext ist also angesagt. Schon deshalb sollte man sich darüber im Klaren sein, auf was man sich hier einlässt. Mit den Worten Woody Allens ausgedrückt, würde ein Fazit in etwa so klingen: "Was sie schon immer über dunkle Seelen wissen wollten, bisher aber nie zu fragen wagten."

Spurenelemente eines autobiografischen Anteils sind, wie man liest, auch vorhanden, und die Filmrechte sind bereits vergeben, was normalerweise nicht in diesem Tempo passiert. Aber was ist an diesem Buch schon "normal"?!

Noch abenteuerlicher erscheint der Weg in die Öffentlichkeit. Ursprünglich selbst verlegt, wurde der Roman und das ebenfalls in Eigenregie hergestellte Hörbuch nur einer begrenzten Leserschaft zuteil. Das hat sich nun geändert und mit dem in Bälde erscheinenden zweiten Teil setzt sich die schaurige Geschichte fort. An Schlaf ist nicht mehr zu denken ...

 

Thomas Lawall - Mai 2019

 

 

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