Literatur

Der bessere Mensch

von Georg Haderer


328 Seiten
© 2011 Haymon-Verlag, Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at
www.georghaderer.com
ISBN 978-3-85218-631-3



Nach dem furiosen Debut "Schäfers Qualen", dem Start der Serie um Polizeimajor Schäfer (2009), und der kongenialen Fortsetzung "Ohnmachtspiele" (2010), beglückt uns Georg Haderer nunmehr mit dem dritten Teil: "Der bessere Mensch". Die Erwartungen waren entsprechend hoch, doch sie wurden alle erfüllt ...

Dem Wahnsinn gerade noch einmal entkommen, begegnet uns Major Schäfer, der nun sogar sportlichen Betätigungen nachgeht, in bester Verfassung, was allerdings nicht unbedingt bedeutet, dass seine Kollegen dies ebenso positiv erfahren, denn nicht selten schießt Schäfer über das eine oder andere Ziel weit hinaus. Er befindet sich nunmehr in regelmäßiger psychologischer Behandlung und muss durch ebenso regelmäßige Tabletteneinnahme helfen, der Pharmaindustrie finanziell unter die Arme zu greifen. Die starken Präparate wirken zwar gegen die Depressionen und Panikattacken, die ihn seit zwei Jahren quälen, halten ihn aber dennoch mit den ambivalenten Nebenwirkungen, die sich einerseits als Aggressionsschübe und andererseits als euphorische Phasen gestalten, auf Trab. Seit zwei Monaten befindet er sich in der Einstellungsphase, welche keineswegs abgeschlossen ist. Sein Therapeut rät ihm, bei wieder aufkeimenden Wutausbrüchen sich selbst sehr genau zu beobachten. Er soll sich umgehend melden, falls er das Gefühl hätte, einmal die Kontrolle zu verlieren ...

Schäfer kann sich keinen Reim darauf machen, weshalb Frau Varga in ihrer eigenen Wohnung Stöckelschuhe und "unzenweise Goldschmuck" trägt. Die Nachbarin des Ermordeten hat selbstverständlich keinerlei Verdacht, wer ihn umgebracht haben könnte. Ungewöhnliche Dinge seien ihr ebenfalls nicht aufgefallen, allerdings erinnert sie sich an eine dunkle Limousine, die hin und wieder einmal durch das Tor gefahren sei, evtl. mit Diplomatenkennzeichen. Mehr ist aus der Dame mittleren Alters nicht herauszubekommen, wobei Schäfer auch die "alte Schule des Mimiklesens" nicht weiterbringt. Früher konnte man noch an feinsten Lippen- und Augenbewegungen gewisse Gefühlsregungen ablesen, was aber heutzutage, insbesondere in gewissen Kreisen, kaum mehr möglich ist. Derartige Ermittlungen wurden "mehr und mehr zum Zufallsspiel, seit Lifting, Botox, und Tranquilizer zum weiblichen Standardtuning gehörten und die Gesichtsmuskulatur sich von den Emotionen emanzipiert hatte". Auf die politisch ziemlich rechts angesiedelten Überzeugungen ihres Nachbarn angesprochen, reagiert Frau Varga ebenfalls sehr neutral. Ihr Mann wäre ja selbst im Ministerium gewesen und man hätte derartige Dinge eher "sportlich gesehen" ...

Nicht viel anders ergeht es ihm bei Frau Born, der Gattin des Mordopfers. Ihre aufgesetzt wirkende Trauer ist für ihn reines Theater und er unterstellt, dass in diesem "Chanel-, Hermes- und Perlenpanzer" keine echten Gefühle wohnen können. Sicher hätte ihr Mann Feinde gehabt, was im Zusammenhang mit seiner politischen Laufbahn schließlich nichts Ungewöhnliches wäre.
Antisemitismus, Rassismus, Volksverhetzung wurden ihm vorgeworfen und die Hilfestellungen, die er einigen jungen Neonazis zur Verbreitung ihrer Propagandaschriften leistete, kostete ihn nach nur zwei Wochen Amtszeit seinen Ministerposten.

Hermann Born starb eines unschönen Todes. Seinen Kopf gibt es nicht mehr. Er wurde ihm mit Phosphorsäure weggeätzt. Selbst das Parkett hat Schaden genommen ...! Inwieweit die politischen Überzeugungen Hinweise auf ein Motiv sowie den grauenhaften Mord insgesamt geben können, ist Schäfer nicht klar. Zunächst vermutet er hinter dieser Tötungsmethode eine Art Botschaft. 

Wie auch immer, es wird nicht der letzte Mord sein ...

Georg Haderer schreibt anders. Seine Geschichten lesen sich folglich nicht wie andere. Der Hang zum gepflegten Schachtelsatz scheint etwas abgenommen zu haben, wobei er seinen konsequent eigenwilligen Erzählstil keineswegs verloren hat. Auch sein Humor ist anders. Weder brachial noch aufgesetzt. Im dritten Band der Reihe braucht er gar eine Weile, bis er auf Touren kommt. Nicht jeder Gag zündet. Während das "weibliche Standardtuning" einen ersten Höhepunkt setzt, kann an anderer Stelle ein vergessenes Kaffepulver nicht besonders amüsieren. Die Spitzfindigkeiten des Autors sind eher der leisen, wohldosierten Art. Literarischer Sprengstoff, mit der Goldwaage aufgewogen! Ein wahrer Wort-Schatz! Und diesmal schlägt Haderer mit einem eindringlichen Pro und Contra rund um die Definition des "besseren Menschen" ein philosophisches Kapitel auf.

Schäfer überzeugt als zerbrechlicher Moralist. Haderer lässt es ihm in "Der bessere Mensch" so richtig gut gehen. Zu gut. Besser als jedem anderen. Der Haken dabei ist, dass dieses Gefühl an Überheblichkeit grenzt. Es wäre besser, wenn sich der Hauptdarsteller mehr Zeit für sich selbst nehmen und Konflikten aus dem Weg gehen würde. Doch genau dies kann sein "Schöpfer" nicht zulassen. Es wird eskalieren. So viel steht fest. Und da die Menschen einfach nicht aufhören, sich umzubringen, muss Schäfer seinen einmal eingeschlagenen Weg weitergehen.

Wir gehen mit. Mit wachsender Begeisterung!

 

Thomas Lawall - August 2011

 

 

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