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CD-Review

VIRGIN BLACK - "Requiem - Fortissimo" (2008)

Epic Doom-Death


Requiem - mezzo forte / Cover

Jesus von Nazareth zog einst aus, um sich alles Leid der Welt auf die Schultern zu laden. 2000 Jahre später ist eine australische Band auf dem Planeten unterwegs, die mit all den damaligen Ereignissen in etwa so viel zu tun hat, wie es sich der Rezensent ausgedacht haben mag ...

Schon der Titel verrät, dass hier mit härteren Bandagen gefahren wird. Der dritte Teil der Requiem-Trilogie heißt, wie angekündigt, "Fortissimo" (wobei man uns den ersten Teil "Requiem - pianissimo" noch immer vorenthalten hat). In der Musik bedeutet "fortissimo" (ital. "am stärksten") die Vortragsbezeichnung für "sehr laut". Ein sehr bescheidener Titel, denn diese Bezeichnung wirkt, im Vergleich zur musikalischen Darbietung, etwas zurückhaltend und vermittelt nicht im Ansatz, was uns auf dieser Platte erwartet. Schon der zweite Teil "Requiem - mezzo forte" versprach im Titel nur den Hauch einer verhaltenen Ahnung, was VIRGIN BLACK unter "mittelstark" verstehen ... !

Doch diesmal sind wir nicht ganz unvorbereitet, denn einen kleinen Vorgeschmack boten uns VIRGIN BLACK auf ihrer MySpace-Seite mit "Silent" an ... welches erstens ganz und gar nicht leise daher kommt und zweitens gleichzeitig Divergenz und Bindeglied zwischen dem Vorgänger verdeutlicht! Behutsam bereitet man die Fans so auf gewisse Veränderungen vor ...
Inzwischen sind die Hardliner aber einiges gewohnt. "Requiem - mezzo forte" eröffnete uns völlig neue Dimensionen. Den Weg dorthin ebneten die zeitlosen Monumente "Sombre Romantic" (2000) und "Elegant... and dying" (2003), die schon damals neue Kapitel in der Musikgeschichte aufgeschlagen und unsere Horizonte endlos und für immer erweitert haben.

Wie erwartet und angekündigt, ist das Orchester nun in den Hintergrund getreten. Vereinzelt wurden kurze Passagen fast beiläufig eingeschoben, allein die Sopranistin darf, zumindest noch in der einen oder anderen oscarreifen Nebenrolle, brillieren. Auffallend sind die stark ausgeprägten Death-Metal-Anteile, die in ihrer Ausdrucksstärke nur noch durch die überragenden Doom-Breitseiten übertroffen werden. Ohne Übertreibung darf ich feststellen, VIRGIN BLACK in einer solchen Dichte und Intensität noch nicht vernommen zu haben. Und das will etwas heißen. Samatha Escarbe spielt längst jenseits aller bekannten Gestirne, und Rowan Londons abgründige Growls scheinen nicht in einem Tonstudio, sondern in einem schwarzen Loch aufgenommen worden zu sein.

Schade nur, dass die erste Scheibe der Trilogie noch nicht vorliegt, denn zum umfassenden Verständnis des Gesamtwerkes scheint sie mir unerlässlich zu sein. Permanente Verweise auf Teil zwei lassen erahnen, dass es auch und ganz besonders zu "Requiem - pianissimo" einen hörbaren Zusammenhang gibt, der noch immer im Verborgenen liegt. Nach Erscheinen des ersten Teils wird sich kaum vermeiden lassen, ein weiteres Review, sozusagen als Gesamtüberblick, zu erwägen ...

Es war nicht wirklich zu erwarten, dass die australischen Ausnahmemusikanten ihre vergangenen Großtaten noch einmal steigern können, andererseits überkam nicht wenige unbändige Angst vor dem, was da noch kommen möge. "Mezzo forte" legte Empfindungen frei, die wir nie zu fühlen wagten und erfand Bilderstürme, die wir nie zu träumen wagten. Doch der vornehm-rabiate Trauermarsch führte aus heutiger Sicht nicht einmal an die Grenzen unserer Ahnungen ... ! Diese "musikalische Götterdämmerung" führte uns höchstens an den Rand der Verzeiflung und machte uns, mitunter fast zärtlich und vornehme Zurückhaltung übend, mit den Geistern bekannt, die weit dahinter wohnen mögen ...

Aber jetzt ist alles anders. Mit einer für VIRGIN BLACK nie dagewesenen Härte gleicht diese Veröffentlichung einem (kontrollierten) Tobsuchtsanfall. Nichts ist mehr, wie es vorher war. Kein Stein liegt mehr auf dem anderen. Diese Musik gleicht einem Aufschrei von Millionen. Heerscharen von Verlorenen marschieren in Richtung Abgrund. Niemand wird entkommen. Der schöne blaue Planet im Trauerkleid ...

VIRGIN BLACK haben sich alles Leid der Welt auf die Schultern geladen. In jeder Sekunde spürt man das Martyrium aller Zeiten, Entsetzen und Greuel der Gegenwart und erahnt Gebirge von Tragödien, die da noch kommen mögen. VIRGIN BLACK zeigten uns einst verborgene Pfade in uns selbst, zelebrierten Opern in der Unendlichkeit und nun werfen sie eine musikalische Atombombe mitten in unser System, die einmal mehr alles durcheinander wirbelt. Nicht aber die Erkenntnis, dass wir es mit einer der außergewöhnlichsten Kapellen zu tun haben, welche die Welt jemals gesehen, gehört und erlebt hat.

Schon erstaunlich, was wir Menschen aushalten können. Ein Jammer, dass alles enden wird. Man wird uns vergessen. Als wären wir nie dagewesen. Doch lehrt mich (auch) dieses apokalyptische Werk - trotz allem - etwas über einen Funken. Den Funken Hoffnung. Das ist nicht alles, aber viel. Immerhin. Und dieser göttliche Funke bildet sogar eine Gewissheit und baut eine Erkenntnis, die über allem stehen mag:

Alles Leid dieser Welt wird einst ein Ende haben. Jeder Kummer wird vergehen. Uns wird es nicht mehr geben, denn diese Welt wird sterben. Das Leben wird wieder auf Reisen gehen, lange nachdem die letzten Legenden von uns Menschen verklungen sein werden. Doch jede Seele, die gelebt hat, ist wie eine Kerze in der dunklen Nacht. Ein ewiges Licht. Die Unendlichkeit wird der strahlende Sieger sein. Doch es gibt keinen Grund zur Trauer, denn wir alle sind ein Teil von ihr.

Für immer ...

Fazit: Menschliche Tragödie. Ruf der ewigen Dunkelheit.

 

Bewertung: 12++/12

Thomas Lawall - Januar 2008

 

 

 

Tracklist:

1. The Fragile Breath
2. In Winter's Ash
3. Silent
4. God in Dust
5. Lacrimosa (gather me)
6. Darkness
7. Forever

Line-up:

Virgin Black and The Adelaide Symphony Orchestra
conducted by Bruce Stewart
Soprano: Susan Johnson
Tenor: Rowan London

Guitars: Samantha Escarbe
Bass: Grayh
Drums: Dino Cielo
Piano: Rowan London


Aktuelles Line-up:

Rowan London: Vocals, piano, songwriter
Samantha Escarbe: Guitar, songwriter
Grayh: Bass, vocals
Luke Faz: Drums


www.virginblack.com

www.myspace.com/virginblackofficial

 

 

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