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CD-Review

MEMORIAL DAY - "Retired from the World" (1997)

Filigran-Gothic-Death


...im Kinoformat... oder vielleicht darf's noch etwas mehr sein...? Keine Ahnung, denn ich grüble inzwischen gar nicht mal so unkurz über dieses Wunder nach, und dennoch fallen die Worte immer noch schwer, denn "Retired from the World" lässt mich nun schon seit Jahren regelmäßig jede Fassung verlieren!

Nun bin ich der letzte, der erklären könnte, woran dies liegt. Deshalb versuche ich es erst gar nicht, ...oder doch? Die wahren Schätze dieser Welt sind jedenfalls noch lange nicht gefunden bzw. einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Zu diesen Schätzen gehören MEMORIAL DAY, die bis heute drei (recht unterschiedliche) Alben veröffentlicht haben.

Was die Texte betrifft, muss gesagt werden, dass Dichterfürst Thomas Hein hier ganz schön die Hosen runtergelassen hat. Der Gute hat nun wirklich nichts ausgelassen und kehrte sein Innerstes nach außen. Allein dafür verleihe ich ihm und der Kapelle mehrere Sonstwaspreise...

Selbstverständlich sind meine Zeilen mehr als nur subjektiv, und so soll es auch sein. Die Leute, die das alles "objektiv" bewerten, haben anno Dezibel solche Geni(t)alitäten wie "...streckenweise sehr gut gemacht..." losgelassen oder inhaltlich gar von einem "erfreulich kitschfreiem deutschen Text" lamentiert. Diese Leutchen konsumieren Musik als Massenware, ähnlich wie so vollautomatisierte Briefverteilungssysteme. Das entsprechende Teil wird in Windeseile analysiert, sortiert und in die entsprechende Schublade abgelegt.

Nach dem Debut ("Embark Hades" - 1995) präsentierte sich die Death-Metal-Band musikalisch in völlig anderem Gewand. Der melodische Ansatz wurde systhematisch ausgebaut, was wohl nicht zuletzt durch größere personelle Veränderungen entstand bzw. begünstigt wurde. Sänger und Gitarrist Bernd Sorcan stieg aus und mit Tom, Chris und Andy kamen gleich drei neue Mitglieder in die Band. Haupteinfluss waren nunmehr ANATHEMA...

"Past Caring" trifft sofort ins Schwarze. Geht ans Eingemachte. Wendet sich wütend gegen diejenigen, die "aufgeben", sich dabei aber nur selbst betrügen. Richtig. Will aber keiner so gerne hören (ertragen)! Die musikalischen Spannungsbögen hämmern, schleichen und steigern sich gleichermaßen gegenseitig in die Höhe, dass einem schier dieser eine Track schon für die Nacht reichen würde! Einfach unglaublich der Wechsel des simpel-naiven "Cleaners", der sich alsbald in eine Bestie zu verwandeln scheint "... but all I see is a little boy, who's got the wind up...", und dann steigert sich diese Tirade in das unglaubliche "...Hey man. You are a pain in my neck." Ich könnte mir allein diese Nummer für die Ewigkeit auf Dauerbetrieb stellen und würde dabei wahrscheinlich nichts, aber auch gar nichts, vermissen!!!

Die nächste Ohrfeige gibt es bereits in "Fantasy". Kaum zu glauben... das ist erst das zweite Stück, aber wir möchten trotzdem schon sterben! Also, was CREMATORY stets versucht, aber nie geschafft haben, schaffen MEMORIAL DAY aus dem Stand. Hört sich (stellenweise) ähnlich an, geht aber über die genannten Parameter(chen) locker rüber. Prompt denke ich an "die Torheit meiner (eigenen) Phantasien"... denn wie oft habe ich schon an die Liebe geglaubt und dann erfahren müssen, dass alles bloß Phantasie gewesen ist. Dies alles tut verdammt weh, aber (übergangslos) wird es dann noch weitaus schlimmer...

"In meinen Träumen" kommt völlig "clean" und dann auch noch in unser aller Muttersprache. "Ich möchte für immer schlafen und dort bleiben, wo es keine Schmerzen gibt". Nichts als Tastenklänge begleiten die gesprochenen Worte. Langsam weiß ich auch nicht mehr, warum ich noch in die Realität zurückkehren soll. Ist da etwas, was mich noch hält? Meine Träume vielleicht...?

Spätestens beim Gothic-Death-Märchen "Once Upon A Time" wird man süchtig. Süchtig von dieser Musik und dieser schonungslosen Lyrik. Obwohl es ja (wieder) nichts zu lachen gibt, denn auch ich erinnere mich an Zeiten, die mir die "bunten Bilder" gestohlen hat. "Es war einmal..."
Jaaaaaaaaa... und im fünften Track ist der "Demon" wieder auf der Matte! Erinnert an "Past Caring" - sowohl textlich als auch vom bildgewaltigen Spannungsbogen her! Ebenso wahr wie restlos geil! "Put up a fight!"
Und kaum sind wir dem schleichenden Irrsinn entkommen, geht es besinnlich weiter. "Contemplation" gönnt uns eine Ruhepause. "Calm and peaceful, my day fades out."

Die Ruhe vor dem Sturm verdaut, dürfen wir uns nun mit weiteren Bausteinen für unsere Mauern beschäftigen. Mut verleiht uns die keyboardlastige "Entschlossenheit". "Step aside from the routine." Und die Musik entführt uns wieder in Regionen, die wir am liebsten nie mehr verlassen würden!
Nummer acht. Nein Leute, ich weiß es echt nicht mehr, wie oft solche "Zeitlose Gedanken" an mir vorüber gegangen sind. Letztendlich auch egal, denn "...der Weg ist unser Leben". Einfacher kann man Allumfassendes nicht auf den Punkt bringen! "Les Pensées Sans Temps" wirkt in seiner bescheidenen Instrumentierung fast mittelalterlich.

"Scars" treibt es dann wieder auf die Spitze und wir erleben hier eine Achterbahnfahrt der Band und ihrer epischen Breite! Zärtlich verhalten und doch so endgültig! Hoffnung keimt auf: "One day the wound gonna close..."
Ja, und wenn auch dies geschehen ist, dann sind wir endgültig bereit für den Sinn des Lebens! "The Meaning Of Life" klingt aus, wie es "ANATHEMA" wohl nicht besser ausdrücken könnten. Aus Hoffnung wird Licht, und wenn die Dunkelheit verschwunden ist, werden wir verstehen!

Der Kreis schließt sich, aber schon naht wieder der "sterbende Schwan": "Hey, man..."!

Diese Platte ist für immer und ewig! Es ist nichts mehr wie zuvor...!!!

Fazit: Unerreichbar.

 

Bewertung unmöglich... aber der Ordnung halber: 12/12

Thomas Lawall - Mai 2006

 

 

 

Tracklist:

01. Past Caring
02. Fantasy
03. In Meinen Träumen
04. Once Upon A Time
05. Your Demon
06. Contemplation
07. Resolution
08. Les Pensées Sans Temps
09. Scars
10. The Meaning Of Life

Line-Up:

Tom: Vocals
Markus: Guitar
Chris: Guitar
Jürgen: Bass
Andy: Synthesizers, Vocals
Willi: Drums

 

 

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