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CD-Review

SPOCK'S BEARD  "Spock's Beard" (2006)

Prog-Rock


Hatte ich im Februar 2005 zu "Octane", dem zweiten Album nach dem gottbefohlenen Ausstieg von Neal Morse, nach den musikalischen Wegen bzw. Zielen gefragt, geht es mir beim aktuellen Album nicht anders. Die Fragezeichen haben sich sogar vervielfältigt. Die von mir zitierte "Entscheidungsfindung" scheint weiterhin nicht abgeschlossen zu sein. Ganz im Gegenteil. Im dritten Album nach der Ära Neal wird dem erstaunten Hörer ein nochmals drastisch erweitertes Spektrum präsentiert, was einem die Orientierung nicht gerade erleichtert. Spätestens jetzt frage ich mich aber, ob vielleicht mein Standpunkt Fehler und Sand im (eigenen) Getriebe ist ... !

Vielleicht sollte ich mir meine Zeilen zu "Gluttons for Punishment - Live in '05" in Erinnerung rufen. Im Oktober 2005 sprach ich von einem musikalischen "Prog Haus". Und genau da scheint mir der Lösungsansatz verborgen zu sein. Muss denn immer eins zum anderen passen? Wieso kann eine Band nicht einfach total unterschiedliche Songs bauen und anbieten, die rein gar nix miteinander zu tun haben, aber dennoch ein sehr interessantes Gesamtbild abgeben?

Jeder Song steht für sich alleine - wie Bücher in einem Regal!

Ja und? Ist doch gut so, dass in jedem etwas anderes steht. Kein Mensch würde sich über diese Vielfalt aufregen. Aber die Herren Kollegen über diese Platte sehr wohl! Ich kapiere es nicht, und solche Reviews, die Song für Song mit nur jeweils wenigen Worten abhandeln, abschmettern oder nicht mal ignorieren, schon gar nicht.

SPOCK'S BEARD kreieren Crossover-Prog aus einem Lehrbuch, das es noch gar nicht gibt ...

Wahrheiten, Erkenntnisse, Definitionen und eigentlich ALLES ist eine Frage der Erwartungshaltung und noch viel mehr eine Frage des Standpunktes! Hört man sich allein den Opener "On A Perfect Day" an, schmilzt man dahin und reist in einer Zeitmaschine von den frühen GENESIS bis ins aktuelle Klang-Universum von SPOCK'S BEARD. Ein wahrhaft "perfekter Tag". Die gesegneten Vibrationen dürften selbst Taubstumme in einen wahren Glückstaumel versetzen.

Allein der erste Song ist also locker das Geld für die Platte wert. Keine Ahnung, wie oft ich den schon gehört habe. Deshalb habe ich auch gar kein Problem damit, dass die Prog-Oper nach sieben Minuten schon vorbei ist und mit "Skeletons At The Feast" eine (fast) ganz andere Marke geboten wird. Dampfhammer-Prog verliert sich in sich selbst, steigert sich in schwindelnde Höhen und verliert sich in der eigenen Kernaussage. Eine (weitere) Romanvorlage!

Nü ja, den dritten Track sehe ich als eine Ohrfeige. DEEP PURPLE meets THE BEATLES oder wie? Trotzdem haben die Musikanten Spaß an der Sache, und deshalb kann ihnen diese Nullnummer locker verziehen werden. Dennoch vermute ich gewisse Absichten hinter "Is This Love" ...

... hehehe, das darf der geneigte Hörer dann selber herausfinden. Ein weiterer Gedankensprung folgt mit "All That's Left", was dann etwas gediegener daher kommt ... und "The Slow Crash Landing Man" erst recht! Booaaah ... diese Weichspüler-Doom-Pop-Orgel-Ballade kommt voll auf das längst schon geplatzte Gefühlsbarometer, und drückt im viel zu kurzen Zeitrahmen von knapp sechs Minuten permanent auf jede nur erdenkliche Tränendrüse. Einer der tollsten Songs, die ich jemals gehört habe. Bescheidener Bombast. Da verneige ich mich gerne.

Ja klar, die Platte kann nerven. Und besonders den, der eine geradlinige Mucke und/oder den brühmten roten Faden sucht. Diesen gibt es nämlich nicht. SPOCK'S BEARD gehen andere Wege. Und ich glaube, ich hab's jetzt kapiert ...

Sollte ich vielleicht noch den restlos genialen Jazz-Part im Opus "As Far As The Mind Can See - part 2 - Here's A Man" erwähnen? Eigentlich nicht nötig, denn wer offen für ALLES ist, den wird auch das letztlich nicht überraschen, aber gleichwohl begeistern können.

Das neunte Album der "Bärte" braucht keinen Titel. Völlig überflüssig. Wozu eine Überschrift, wozu ein Titel? DAS IST einfach SPOCK'S BEARD! Und wer glaubt, dass sich die Musikanten jemals in ein einziges Schema pressen lassen werden, ist auf dem Holzweg. Jazz-Pop-Blues-Rock-Heavy-Prog und großes Orchester oder wie jetzt? Fuck die Definitonen.

Die einen nennen es "orientierungslos", ich nenne das kreativ!

Fazit: 77 Minuten - 14 Überraschungseier. Neue und erweiterete Ausgabe des "PROGHAUS".

 

Bewertung:11/12
("The Slow Crash Landing Man", "Hereafter" +
"As Far As The Mind Can See - part 2 - Here's A Man": 12/12)

Thomas Lawall - Dezember 2006

 

 

Tracklist:

01. On A Perfect Day
02. Skeletons At The Feast (Instrumental)
03. Is This Love
04. All That's Left
05. With Your Kiss
06. Sometimes They Stay, Sometimes They Go
07. The Slow Crash Landing Man
08. Wherever You Stand
09. Hereafter
10. As Far As The Mind Can See - part 1 -
     Dreaming In The Age Of Answers
11. As Far As The Mind Can See - part 2 -
     Here's A Man
12. As Far As The Mind Can See - part 3 -
     They Know We Know
13. As Far As The Mind Can See - part 4 -
     Stream Of Unconsciousness
14.  Rearranged

Line-up:

Nick D'Virgilio: Vocals, drums, guitars
Dave Meros: Bass
Alan Morse: Guitars, vocals
Ryo Okumoto: Keyboards

 

 

 

 

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