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Literatur

flüchtig


von Hubert Achleitner


300 Seiten
©2020 Paul Zsolnay Verlag Ges.m.b.H., Wien
www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay
ISBN 978-3-552-05972-6



Wie es ist, wenn man sich auf der Straße kennenlernt. Wie es ist, wenn der Zufall mit dem Schicksal würfelt. Wie es ist, wenn man sich ausgerechnet "im Augenblick des Loslassens" begegnet. Und wie es ist, wenn sich zwei Menschen auf eine Reise begeben, die in keinem Moment ihres Lebens so geplant war, erzählt Hubert Achleitner, jener Weltenbummler und -musiker, der auf seinen musikalischen Streifzügen gerne, und nicht ohne Stolz, einen anderen Namen verwendet.

Der Klappentext verrät nicht sehr viel, doch er übertreibt etwas, wenn er behauptet, "flüchtig" wäre ein "sehr musikalischer Roman". Der bescheidene Textnachweis der verwendeten Quellen belegt das. Ja gut, etwas Cohen hier, eine Prise Hagen dort oder die Verweise auf das Liedgut Kleinasiens ... doch jetzt hat Hubert Achleitner nicht unwesentlich mehr zu bieten und zwar in einem Maß, welches der Rezensent so nicht erwartet hätte. Deshalb befindet er sich in einer ähnlich glücklichen Lage wie die beiden Hauptdarstellerinnen Lisa und Maria und tritt somit ebenfalls eine Reise ins Unbekannte an!

Gefällig und leicht weg zu lesen, wie man das heute gerne hat, ist das alles nicht und stellt sich damit bereits auf der ersten Seite als Glücksfall dar. Der Roman um Marias spontane Flucht weg von Ehemann Herwig schielt in keinem Moment auf die Untiefen des leichtverdaulichen Mainstreams, sondern hinter jene Kulissen, die uns das Leben und wir selbst uns ständig in den Weg stellen.

Wenn Maria die wenigen Stunden, die sie noch mit Herwig verbringt, wie "Werbeunterbrechungen in ihrem Lebensfilm" empfindet, wird es Zeit auszubrechen. Dreißig Jahre Ehe sind ihr Anlass genug, harte Konsequenzen, auch beruflicher Natur, einzuleiten, auch wenn weder Alternativen noch Ziele zur Ablösung bereitstehen. Stellvertretend für jene, die sich noch mit einem erträglichen, "aber reizlosen Mittelmaß" begnügen, fährt sie einfach los ...

Nach "Stromlinien" verlässt der Autor den damals gegebenen Rahmen und befreit sich auf literarischer Ebene nun vollständig von jeder Notwendigkeit.
Während Herwig angesichts seiner "Weltenbodenlosigkeit" zunächst damit beschäftigt ist, seine "Panik wegzuatmen", zieht es Maria vor, die unbetretenen Pfade auszuprobieren.

Derweil werden wir Zeuge phantastischer Landschaftsbeschreibungen. Jahreszeiten, wie den Winter beispielsweise, nehmen wir jetzt anders, dank jenen, das Bewusstsein erweiternden Zeilen, wahr. Nach einem heftigen Schneefall gibt es "mehr Kunst als Natur" zu sehen:

"Es war, als hätte Gott auf den Reset-Knopf gedrückt und seine ganze Schöpfung rückgängig gemacht, als hätte er mit einem großen Tuch alles weggewischt".

Weltbewegendes in wenigen Worten auszudrücken gelingt also nicht nur in der Musik, sondern auch in der literarischen Umsetzung jener Dinge, die uns an- und forttreiben. Vielleicht sogar besser, denn Hubert Achleitner lässt kaum etwas aus. Egal ob es sich nun um eine sehr spezielle "vergoldete Fracht" nach Saudi-Arabien handelt, einen derben Scherz zu Lasten des Herrn Ringsgwandl oder um gnadenlose politische Seitenhiebe an die Betreiber "nationaler Gewächshäuser", in welchen "die Dummheit frisch gezüchtet wird"!

"flüchtig" ist eines der wenigen Bücher, dessen Reichtümer man sich zwar sofort bewusst wird, diese aber so lange wie möglich zu bewahren versucht. Nicht wenige Abschnitte laden dazu ein, immer und immer wieder gelesen zu werden. So wie man das früher gerne mit diesen Musikkassetten gemacht hat: Stoptaste drücken, immer und immer wieder zurückspulen, um die Gänsehaut so richtig zu fordern.

In Griechenland ticken die Uhren anders, weshalb sich fast zwangsläufig einige Längen ergeben. Von einer gewissen Farblosigkeit findet der Autor glücklicherweise alsbald in breitwandige Metaphorik zurück. Zurück geht auch oft der Blick nach Hause, denn da gibt es ja noch den Verlassenen. Es ist aber nicht so, dass die veränderte Lebenssituation einen Stillstand verursacht. Das absolute Gegenteil ist der Fall und heißt Nora ...

Nüchtern sind Wigs Einsichten in den Verlauf seiner Beziehung und spätestens hier verkündet er, im Gespräch mit seinem Vater, unbequeme Wahrheiten, die sich einer gewissen Allgemeingültigkeit nicht entziehen können. "Reizlosigkeit ist der Anfang vom Ende." Die Routine schleicht sich ein. "Themen mit Konfliktpotential" werden vermieden.

"Sie begannen sich zu arrangieren, ihre Polarität einer Harmonie zu opfern ...".

Tja, und wer wissen will, wohin diese tiefsinnige Lebensbetrachtung führt, steigt jetzt ganz rasch, spontan und unüberlegt mit in den alten Volvo. Über Regenbogenumwege geht es Richtung Süden. "flüchtig" erzählt vom Reichtum des Findens durch Loslassen und hinterlässt alles andere als flüchtige Eindrücke. Ist das Buch geschlossen, geht die Reise weiter. Oder der Beginn eigener Fluchten ...

 

Thomas Lawall - Mai 2020

 

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