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Literatur

Tödliche Geliebte

von Wolfgang Burger


398 Seiten
© 2014 Piper Verlag GmbH, München
www.piper.de
ISBN 978-3-492-06006-6



Katrin Gerlach wird bereits zum dritten Mal ausgerufen. Alexander Gerlach fragt seine Tochter, ob seine Mutter tatsächlich den Frankfurter Flughafen gemeint hatte, als sie anrief, um ihren spontanen Besuch anzukündigen. Nachdem sein Vater das Pensionsalter erreicht hatte, verlegten seine Eltern ihren Wohnsitz an die Algarve in Portugal. Doch nun traten unerwartete Komplikationen auf, was Alexanders Mutter zu ihrem überfallartigen Erscheinen nötigte. "Omaalarm" ist angesagt!

Familiäre Komplikationen sind vorprogrammiert, da sich die beiden Töchter des Kripochefs nun ein Zimmer teilen müssen. Schließlich ist der alten Dame für den Moment kein Hotelaufenthalt zuzumuten. Außerdem gebietet die besondere Brisanz der Ereignisse in Portugal einen durchaus längeren Aufenthalt, was Gerlachs Mutter nicht nur dazu veranlasst, sich häuslich niederzulassen, sondern auch ihrer Meinung nach dringend notwendige Veränderungen in der Wohnung ihres Sohnes einzuleiten.

Dabei hat Kriminaloberrat Alexander Gerlach im Moment ganz andere Sorgen. Von einer besorgten Nachbarin wird er in ihr Wohnhaus zitiert. Aus einer Dachwohnung treten unangenehme Gerüche aus. Gerlach diagnostiziert nicht nur Benzindämpfe, sondern auch den ihm so bekannt vorkommenden Verwesungsgeruch. Die zur Unterstützung sofort alarmierte Feuerwehr bricht die Wohnungstür auf und bestätigt die schlimmsten Vorahnungen. Anblick und Zustand der aufgefundenen Leiche ist selbst für das erfahrene Einsatzpersonal eine Herausforderung ...

Andreas Dierksen, das Opfer, wirkte auf seine Mitbewohner stets geistesabwesend und unnahbar. Kollegen und Vorgesetzte schätzen ihn als kompetenten Mitarbeiter ein, können aber die Vorbehalte seiner Nachbarn bestätigen. Dass diese aber einen regelmäßigen Kontakt zu einer jungen Dame übereinstimmend bestätigen, stößt jedoch auf Unverständnis. Man würde ihm ein solches Verhältnis schlicht nicht zutrauen. Die Aussagen der Hausbewohner sind aber eindeutig. Selbst die Haarfarbe der jungen Dame lässt sich anhand der Aussagen belegen. Erste Ergebnisse der Spurensicherung sichern aber zweifelsfrei die Tatsache, dass es sich bei der roten Haarpracht um eine Perücke handeln muss ...

Mein Vorhaben ist nicht gelungen, um an meine Rezension von "Der fünfte Mörder" anzuknüpfen. Ganz im Gegenteil, denn ich habe es bis heute nicht geschafft, Teil 1-6 der Reihe nachzuholen. Schlimmer noch, denn drei weitere Folgen sind ebenfalls spurlos an mir vorüber gegangen, da es sich bei "Tödliche Geliebte" bereits um den elften Teil der Serie handelt! Umso schöner ist der Wiedereinstieg und das Wiedersehen mit bekannten Figuren.

Wolfgang Burger bleibt seinem Motto treu, indem er auf allzu blutige Details verzichtet, die Spannung im Gegensatz dazu aber auf gleichbleibend hohem Niveau anlegt. Die privaten Strukturen sind von hohem Wiedererkennungswert und bilden in der Kriminalliteratur sicherlich eine sehr eigenständige Rolle. Gerlachs Frau starb vor vier Jahren, die Zwillinge Sarah und Louise sind inzwischen 16 Jahre alt und die Frau seines homosexuellen Vorgesetzten Dr. E. Liebekind ist (mit dessen Einverständnis) immer noch seine Geliebte!

Der Autor schafft es damit spielend, einen Verdacht von ungeheuerlicher Tragweite mit privaten Befindlichkeiten nahtlos zu verweben. Dabei gefällt es ihm nicht nur, seinen Hauptdarsteller in den unpassendsten Momenten von Handyanrufen seiner Töchter stören zu lassen, sondern die Familienstruktur ganz erheblich durcheinanderzubringen, indem er eine bestimmte Person aus ihrem in sicherer Ferne gewähnten Wohnsitz und ohne Vorwarnung auf die Bühne des ohnehin nicht unkomplizierten (privaten und beruflichen) Alltags treten lässt: Mutter!

Den Schalk im Nacken hat Wolfgang Burger weiterhin, und ohne musikalische Begleitung im Hintergrund muss der Leser ebenfalls nicht auskommen. So gönnt er beispielsweise der Heidelberger Feuerwehr einen Geigerzähler, der aber seit elf Jahren kaputt ist, oder seinen Fans Dialoge wie diesen hier:

"Und nenn mich nie wieder Honey!"
"Wird nicht wieder vorkommen, Sweetheart."

Begleitmusik gibt es u.a. von Bob Dylan, Eagles, Deep Purple oder Zucchero. Die Richtigkeit der Ortsbeschreibungen und Lokalitäten in und um Heidelberg herum kann der Rezensent ebenfalls bestätigen. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass es Wolfgang Burger wieder geschafft hat, das unterhaltende Element mit Hochspannung zu verbinden und zu einem weiteren Kriminalroman mit seiner ganz speziellen Handschrift zu verdichten. Ende und Auflösung sind nicht von der Stange und der abschließende Knalleffekt schon gar nicht.

 

Thomas Lawall - Januar 2015

 

 

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