NetZähler

 

Literatur

Stadt der Schmerzen

von Edith Kneifl


238 Seiten
© 2011 Haymon Verlag, Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at
www.kneifl.at
ISBN 978-3-85218-681-8



Die Vergangenheit holt sie immer wieder ein. Wie soll Katharina Kafka auch jemals vergessen, was vor 18 Jahren mit ihren Eltern geschah. Auf einer USA-Reise wurden sie grausam ermordet. Wegen einer Handvoll Dollar. Knapp 20 Jahre alt war sie damals und mit einem Schlag waren die Erinnerungen an ihre behütete Kindheit beendet. Für immer. Seither begleiten sie Rachephantasien, zumal die Täter nie gefasst wurden.

Auch Orlando, Katharinas bestem Freund, ging es nicht viel besser, wenn auch unter völlig anderen Umständen. Seine Mutter litt unter schweren Depressionen, weshalb er einen Großteil seiner Kindheit bei Tagesmüttern, in Kinderhorten und bei Pflegeeltern verbringen musste. Pech für die Mutter und ihren Sohn war, dass der adelige Vater mit einer anderen Frau verheiratet war.

Katharina hat sich mehr oder weniger damit abgefunden, dass sie in ihrem Leben immer wieder von Mord und Totschlag begleitet wird. Durch die furchtbaren Dinge in ihrer Vergangenheit geprägt, scheinen schwerste Verbrechen eine große Anziehungskraft auf sie auszuüben. So auch in Florenz, obwohl diese Reise zunächst unter ganz anderen Vorzeichen stand ...

Orlando hat Probleme. Ihm wird schlecht. Er verträgt den Weihrauch nicht. Ausgerechnet jetzt. Mit Katharina flüchtet er in die Krypta, wo die Gebeine des heiligen Minias liegen. Katharina erzählt ihm die Geschichte über den tragischen Tod des Heiligen, dem Kaiser Decius 250 nach Christus das Haupt abschlagen ließ. Die gruselige Story ist nicht gerade geeignet, Orlandos Zustand merklich zu verbessern, weshalb sie ins Kirchenschiff zurückkehren.

Die Beerdigung von Orlandos Vater steht auf der Tagesordnung. San Miniato al Monte ist voll besetzt, da halb Florenz Abschied von Rudolfo Pazzini nehmen will. Die Ereignisse überschlagen sich nun insofern, als ein Mann lauthals verkündet, dass Riccardo, Orlandos Cousin, tot sei. Eine ältere Dame fällt in Ohnmacht und löst damit eine Panik aus. Ein Sargträger stolpert, reißt einen zweiten Träger mit, der Sarg macht sich selbstständig und poltert eine Treppe hinunter.

Schließlich stellt sich heraus, dass Riccardo umgebracht wurde. Und zwar bei Livio, dem Metzger. Er fand die Leiche in seinem Kühlhaus. Doch das ist erst der Anfang einer ganze Kette von Ereignissen, die Orlando und Katharina auf ihrem Kurztrip nach Florenz so nicht erwartet hätten. Schon gar nicht die Abgründe, die sich in der Geschichte seiner Familie auftun ...
  
Wie schön, wieder etwas von Katharina Kafka, Kellnerin in Wien-Margareten, und ihrem besten Freund Orlando, Transvestit mit der besonderen Vorliebe für den "Sisi-Look", zu hören!

Mit einem sicheren Gespür für makabre Szenen versteht es Edith Kneifel wieder, eine spannende Story zu erzählen, die sofort und ohne viel schmückendes Beiwerk in Fahrt kommt! Ein "Psychothriller" ist es aber auch diesmal nicht geworden. Mit "Stadt der Schmerzen" ist der in Wien lebenden Autorin und Psychoanalytikerin dennoch eine würdige Fortsetzung von "Schön tot" gelungen. Bizzare Morde an ungewöhnlichen Tatorten und eine wohldosierte Portion schwarzer Wiener Humor fesseln den Leser erneut, um ihn bis zum bitteren Ende nicht mehr loszulassen.

Für meine Begriffe sind die humoristischen Einlagen diesmal etwas zu sparsam ausgefallen. Sehr gerne hätte ich auch etwas mehr über Orlando erfahren, zumal er in Florenz trotz der dramatischen Ereignisse nichts besseres zu tun hat, als sich einen neuen Lover anzulachen. In Richtung dieser schillernden Figur sehe ich, was eventuelle Fortsetzungen betrifft, ein beträchtliches Potential.

Der spannende Thriller rund um die vom Leben gezeichneten Hobby-Ermittler punktet aber auch in ganz andere Richtungen, denn er spielt in einer Stadt, die keineswegs eine zweckgebundene Nebenrolle spielt. Wir erfahren eine wahre Fülle geschichtlicher Details von und über Florenz, erzählt aus der Sicht von Katharina, die bekanntlich Geschichte studiert hat und am liebsten als Historikerin arbeiten würde. Da Frauen zwischen 40 und 50 Jahren aber, wie sie sagt, nur schwer eine Stelle finden können, bleibt sie sie uns als Privatermittlerin wohl noch eine Weile erhalten. Ich bin deshalb sehr gespannt, wohin es das ungleiche Paar beim nächsten Mal verschlägt ...

 

Thomas Lawall - November 2011

 

 

Für Fragen, Kritik und Anregungen steht unser Forum zur Verfügung

Home News Literatur Gedichte Kunst Philosophie Schräg Musik Film Garten Küche Gästebuch Forum Links Impressum