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Literatur

Kruzitürken
Ein neuer Fall für Kommissar Pascha


von Su Turhan


336 Seiten
© 2015 der Originalausgabe
bei Knaur Taschenbuch
www.knaur.de
ISBN 978-3-426-51532-7



Kommissar Pius Leipold, Leiter der Münchner Mordkommission, rückt endlich mit der Sprache heraus. Der bisherige Kommissariatsleiter Franz Weniger gibt seinen Posten mit sofortiger Wirkung auf und sein Nachfolger ist eine Frau. Doch das ist nicht die einzige Hiobsbotschaft, denn zudem stammt diese auch noch aus Augsburg, soll recht schwierig sein und hat zu allem Überfluss "so ihre Ansichten".

Zum Beispiel, dass sie die "Migra", das Sonderdezernat, zuständig für Kapitalverbrechen im Zusammenhang mit Tätern und Opfern mit Migrationshintergrund, auflösen will. Die damit verbundenen Komplikationen kommen zu einem ungünstigen Zeitpunkt, da Kommissar Zeki Demirbilek und seine zwei Kolleginnen nicht nur zu dritt arbeiten, aber für zehn Überstunden machen, sondern ganz aktuell noch mit zusätzlichen Fällen zu kämpfen haben.

Nicht nur ein 14 Jahre altes, vermeintlich schwangeres Mädchen, wird dringend gesucht, sondern auch der Mörder des "Knöcheltoten", als Kredithai in der türkischen Community bekannt, und Berge von unbearbeiteten Fällen. Auch in der Bauchtanzgruppe, die Kommissar Zekis Sohn Aydin, als Student an der Münchner Musikakademie, musikalisch begleitet, deuten sich Komplikationen an, die ebenfalls in einen Mord münden. Dicht gefolgt vom nächsten ...

Su Turhan bedient sich einmal mehr seines Erfolgsrezeptes, spannende Kriminalfälle mit der Geschichte seiner handelnden Personen eng zu verknüpfen. Während die Sehnsucht nach seiner geschiedenen Frau Selma in "Bierleichen" stets für die ruhigen und nachdenklich stimmenden Momente sorgte, weitet sie sich in "Kruzitürken" zu einer handfesten Belastungsprobe aus, die ihm, was seine aktuelle Beziehung betrifft, die noch nicht einmal eine richtige ist, ernsthaft im Wege steht.

Der Autor gönnt seiner Hauptperson keine Ruhe. Kommissar "Pascha" stolpert von einer Krise in die andere. Auch seine Kinder Aydin und Özlem haben die eine oder andere Überraschung zu bieten. Die Rangeleien unter den Kollegen bleiben ebenfalls und weiterhin nicht aus. Ganz im Gegenteil, denn mit der Figur der neuen Vorgesetzten, Kommissariatsleiterin Sonja Feldmeier, gießt er Öl ins Feuer des allgemeinen Kompetenzgerangels.

Die Bandbreite seiner Charakterisierungen spannt sich von ebenso kurz angebundenen wie staubtrockenen Akzentuierungen wie "Augsburgerin. Schwierige Person. Hat so ihre Ansichten." bis hin zu subtilen Skizzen unterdrückter Aggressionen. Zwischenmenschliche Abgründe werden ausgelotet und durch Milieustudien ergänzt, was aber nicht bedeutet, dass es nicht auch einmal in handfeste Action in Münchens Innenstadt ausartet.

Letztlich kann dieses oder jenes Ungemach Su Turhans Ermittler aber nicht aus der Bahn werfen. Zeki Demirbilek darf als "Ermittlungsjunkie" wieder alle Register ziehen. Sein unangepasster "türkischer Grantler" ist in Wahrheit ein Sensibelchen, der seinen Holzhammer stets nur zur Tarnung auspackt. Und dann leidet er hin und wieder auch noch am immer wiederkehrenden Heimweh nach Istanbul, welches München als "geheime Hauptstadt der Türkei" keinesfalls aufwiegen kann.

Zudem fegt der Autor wieder die eine oder andere Halbwahrheit gnadenlos vom Tisch. Die besten Bauchtänzerinnen kommen nämlich ausnahmslos aus Istanbul, lässt er Zeki Demirbilek verkünden. Der Rest der Welt kann in dieser Sache nicht mitreden und "Möchtegernorientalinnen" aus Bayern schon gar nicht. Nachhilfe gibt es auch in Sachen "Lokum", der türkischen Nationalsüßspeise, die im Deutschen fälschlicherweise als Türkischer Honig bezeichnet wird.

"Kruzitürken" ist eines jener Bücher, die man gerne etwas langsamer liest, damit der Spaß nicht so schnell vorbei ist. Yarasın!

 

Thomas Lawall - Februar 2015

 

 

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