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Literatur

Der gute Mensch von Düsteroda
Ein Thüringen-Krimi


von Andreas Kolb


200 Seiten
© Sutton Verlag, 2015
www.suttonverlag.de
ISBN 978-3-95400-453-9



Samuel Pistorius ist Pfarrer, Richter und Henker in einer Person. Lange gefackelt wird mit sündigen Übeltätern nicht, dennoch muss vor der Lösung des Problems der "Ausschuss" (für Kirchendekoration) darüber befinden. Schließlich soll den jeweiligen Verbrechen angemessen entsprochen werden.

Der nächste Kandidat hat mehr als genug Entsetzliches getan. Er verkehrt nicht nur in einem Puff in Eisenach, sondern er will auch noch seinen Garten am Ortseingang verkaufen. "Und zwar an Fremde", und so etwas geht gar nicht! Sein Todesurteil ist damit besiegelt. Leider schlampt Hochwürden bei seiner Arbeit, weshalb sein Opfer zunächst entkommen kann. In einem ebenso überladenen LKW wie wenig bremswilligen Fahrer aus Tschechien fand der Todesengel aber einen unfreiwilligen Gehilfen ...

Andreas Kolb hat sich für eine Umkehr der gewohnten Perspektive entschieden, die mir bisher nur aus Higashinos "Verdächtige Geliebte" bekannt ist. Die übliche Suche nach einem Mörder erübrigt sich, da er von vornherein bekannt ist.

Der Autor lässt es dabei aber nicht bewenden, sondern konstruiert gleich noch einen überaus ungewöhnlichen Typ von Mörder. Ein Pfarrer ist mir bislang noch nicht untergekommen und ein solcher schon gar nicht! Weder mit armen Sündern noch mit seinem "Glauben" geht er sonderlich zimperlich um.

In Rückblenden erinnert er sich an sein Studium und jene Zeit, als er das auslaufende Bafög aufbesserte, indem er mit Hilfe eines Vereins für Rumänienhilfe "Kiffer mit Stoff versorgte", und an einen "belanglosen Jesus", der ihm allenfalls als moralische Instanz geeignet schien: "... ein von der Urkirche zum Gottessohn hochgejazzter Zimmermann, der unter ungeklärten Umständen aus seinem Grab verschwunden ist".

Die Erzählperspektive der Ich-Form dramatisiert Andreas Kolb zusätzlich, indem er die Figur des Samuel Pistorius Leserinnen und Leser direkt ansprechen lässt und diese somit noch weitaus dichter an Personen heranführt und in Handlungen einbindet: "Es klingt für Sie vielleicht merkwürdig ..."

Auch mit mehr oder weniger deftigen Stilmitteln im sprachlichen Bereich glänzt dieser ganz und gar ungewöhnliche Roman. Man könnte es auch unflätige Ausdrucksweise nennen, denn was der Herr Pfarrer an verunglimpfenden Schimpfworttiraden zu bieten hat, traut sich so mancher Rapper nicht. Seinen eigenen Gottesdienst bezeichnet er als "erbärmlich" und als "vorgestrige Folklore".

Der gute Mensch von Düsteroda ist eine brachial-derbe Parodie des Krimi-Genres, ein makabrer Ableger und eine bösartige Satire sowieso. Neben deftiger Kritik an lokalpolitischen Verflechtungen darf es bisweilen auch die eine oder andere mörderische Bibelauslegung sein. Was es mit "Himmelskomikern" oder "Orgelnutten" auf sich hat, erfährt der Leser, dem permanent der Unterkiefer herunterhängt, ebenfalls.

Kaum zu glauben, dass der Autor ebenfalls dem ehrenwerten Berufsstand des Geistlichen angehören soll. Wenn dem tatsächlich so wäre, würde ich mir ernsthaft überlegen, eine seiner sonntäglichen Veranstaltungen einmal zu besuchen, jedoch nicht ohne meine Lebensversicherung vorab etwas nach oben zu korrigieren.

 

Thomas Lawall - April 2015

 

 

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