Literatur

Der Fährmann

von Regina Denk


382 Seiten
© 2026 Droemer Verlag
www.droemer-knaur.de
ISBN 978-3-426-56628-2



Wieder verrät uns das Inhaltsverzeichnis viel über das Konzept des Buches, ähnlich wie es der Vorgänger "Die Schwarzgeherin" tat. Über einen Zeitraum von gut 20 Jahren begleiten wir abwechselnd Hannes, Annemarie und Elisabeth in jeweils verschiedenen Altersstufen und den damit verbundenen Zeitebenen.

Schauplatz sind zwei Dörfer in Österreich und Deutschland, getrennt durch die Salzach. Seit eh und je sorgt ein Fährmann für die notwendigen Verbindungen zwischen Hohenwart und Siegering. Menschen, Tiere und Material transportiert er zu keinen festgelegten Zeiten, je nach Bedarf und in einer immerwährenden Bereitschaft, ans gewünschte Ufer.

Hannes ist, kurz vor dem Ende des 19. Jahrhunderts, erst sechs Jahre alt, als für ihn bereits entschieden wird, später einmal diese Aufgabe zu übernehmen. Der Weg dahin ist weit und zuvor ist eine bösartige Infektion zu überwinden.

Hier beginnen die zahlreichen Probleme und Konflikte, und bereits hier zeichnet Regina Denk die damalige Lebenswirklichkeit der Menschen in eigentümlicher Sprache und mit emotionaler Wucht, auch wenn sie die grundverschiedenen Ansätze von Hannes Mutter und seinem Vater zwar nur andeutet, dies aber deutlich genug, um die existenzielle Verzweiflung der Mutter der emotionalen Kälte ihres Mannes gegenüberzustellen.

Die Worte der Autorin sind dazu geeignet, tiefste Empfindungen auszulösen, ja körperlich fühlbares Unbehagen zu bereiten, indem sie Leserinnen und Leser derart intensiv in die Handlung hineinzieht, und damit den Ängsten ihrer Figuren ein beängstigend reales Gesicht verleiht.

Die Schicksale sind keine unbekannten Größen, denn man spürt in heute noch existierenden Zwängen und Konventionen, welche längst nicht beseitigt sind, die gnadenlosen Ursprünge jener gesellschaftlichen Entwicklungen, die jedes freiheitliche Denken und Handeln im Keim zu ersticken drohten, und es meist auch schafften.

So spiegelt der Fährmann den Drang nach Befreiung und Lebenslust, mit dem auferlegten und eingefahrenen Regelwerk eines Systems, vielleicht eine andere und neuere Form der Sklaverei, das nur ein Leben in kleinstbürgerlicher Passform duldet, und nach den Regeln eines unbeugsamen Patriarchats zu funktionieren hat, angepasst und gottesfürchtig.

Mit Elisabeth und ihren einstmals unzertrennlichen Freund/innen leidet man mit, und es wird einem tatsächlich angst und bange, spätestens wenn ihre Mutter die von ihrer Tochter gewünschte "Kranzljungfer" Annemarie, die Wirtstochter, ablehnt. Eine kleine Tragödie in einer großen, denn den Steiner Josef, dem sie als Ehefrau versprochen wurde, will sie auf keinen Fall heiraten.

Doch damit noch lange nicht genug, denn es sollte noch viel schlimmer kommen, denn wenn es in dieser Geschichte um Männer geht, dann um solche, die alle Gesetze, auch und vor allem die ungeschriebenen, aus ihrer Sicht und für sich selbst formulieren, und sich nehmen, was sie wollen...

"...was ihnen in dieser Welt, in der es nur um sie ging, scheinbar wie selbstverständlich zustand."

Auch die Mütter spielen dieses erbarmungslose Spiel mit, wobei ihnen wahrscheinlich gar nichts anderes übrig bleibt.

"... weil wir ohne Heirat, allein, eine einzige Last sind für alle um uns herum."

Regina Denk schreibt von Kinderträumen, und was aus ihnen werden kann, von der Ohnmacht der Frauen gegenüber dem Patriarchat und der Kirche, von Neid, Missgunst, Eifersucht und dem unseligen Dorfgerede im Kleinen, und dem Krieg im Großen.

"Der Fährmann" zeichnet auf kleiner Bühne das intensive Bild einer Tragödie in überschaubarer Besetzung. Ein nachhaltiges Sittengemälde aus vergangener Zeit, mit nicht zu übersehenden Bezügen in die Gegenwart.

Eine grandiose Geschichte mit ebensolchen Worten am Ende.

 

Thomas Lawall - Mai 2026

 

 

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