Literatur

Die Schwarzgeherin

von Regina Denk


416 Seiten
Eigenlizenz Dezember 2025
© 2024 Droemer Verlag
www.droemer-knaur.de
ISBN 978-3-426-44725-3



Sie soll die "Xantner Bäuerin" werden. So sei es vereinbart und festgelegt, so wie es eigentlich schon seit vielen Jahren unausgesprochen beschlossene Sache ist.

"Mit'm Sommer wirst dem Leopold sei Frau."

Theres Lachermeyer ist entsetzt und widerspricht ihrem Vater. Tausend Gedanken jagen ihr durch den Kopf, allen voran der an Leopolds Mutter Annelies,

"die mit diesem Beschluss zur Wärterin ihres Käfigs werden würde."

Schon als Kinder haben Leopold und Theres miteinander gespielt, doch die letzte Konsequenz, die sich aus der seit Generationen bestehenden Verbindung der beiden Höfe ihrer Eltern ergeben würde, dem "Joch der Ehe", zerstört die Hoffnung der jungen Frau, die es wagt, sich ein selbstbestimmtes Leben vorzustellen.

Dieser Wunsch schwört eine Eskalation herauf, die noch durch das Auftauchen eines Fremden im Dorf zusätzlich befeuert wird...

Diese, auf mehreren Zeitebenen erzählte, Geschichte erlaubt einen Einblick in den seit Jahrhunderten währenden Kampf von Frauen, hier am Beispiel der Situation in einer abgeschiedenen Region der Tiroler Berge im 19. Jahrhundert, um ihrer selbst willen und ihrer Stellung, Bedeutung und Rang im sozialen Gefüge eines unbarmherzigen Patriarchats. 

So unerträglich es auch erscheinen möge, war der lange Kampf, der längst nicht beendet ist, bei welchem es sich um nichts anderes handelte als das gute Recht, die "Grenzen der weiblichen Erlaubtheit" zu überschreiten, scheinbar erfolglos. Der Roman zeigt aber auch, dass nicht jede Frau die Unterwerfung in ein männlich geprägtes System als Nachteil empfand.

So sieht Theres' Tochter Maria das freiheitliche, aber karge Leben ihrer Mutter mit völlig anderen Augen:

"Ich fang doch grad erst an zum leben, lass mich ein Leben führen, wie der Herrgott es vorgesehen hat."

Was Maria mit der Entscheidung für ihren Auserwählten anrichtet, kann sie nicht ahnen, da ihr die familiären Zusammenhänge zunächst nicht bekannt sind...

Verwirrung der Gefühle in einem unheilbar beschädigten Familiengefüge, vor einer imposanten, aber rauen Berglandschaft, welche die Menschen in beängstigenden Traditionen gefangen hält, aber, wenn auch nur unter größten Anstrengungen erreichbar, grenzenlose Freiheit bereithält.

Nur Wenige wagen den Ausbruch und religiöse Vorstellungen zementieren die althergebrachten Strukturen, was die Autorin beispielsweise in die Schilderung eines Gottesdienstes packt. Eine der vielen wirklich grandiosen Szenen dieses Romans:

"Gemeinsam eingesperrt, auf ewig kein Entkommen, über der Erde wie auch unter ihr, dazu verdammt, es miteinander auszuhalten."

Eine Geschichte, die lange nachwirkt, die einen packt und nur schwer wieder loslässt: Die auf wundersame Art erzählte Geschichte von Theres und Leopold, deren Angehörigen, einer Handvoll Dorfbewohner/innen, jenem Adlerpärchen und der ebenso majestätischen wie unbarmherzigen Urwüchsigkeit der Tiroler Berge.        

Menschen und Landschaft werden von Regina Denk gleichermaßen grandios in Szene gesetzt und scheinen in bestimmten Passagen eine untrennbare Einheit zu bilden. Selbst die szenische Einbindung der einheimischen Tierwelt sorgt für eine spürbare Verbindung der Ereignisse. Mehr Atmosphäre geht kaum.

 

Thomas Lawall - Januar 2026

 

 

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