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Literatur

Der Club der toten Sticker

von Tatjana Kruse


304 Seiten
© Haymon Taschenbuch, Innsbruck-Wien 2021
www.haymonverlag.at
ISBN 978-3-7099-7918-1



Ein Banause ich bin. Steige ich doch erst mit Band 8 in die Seifferheld-Saga ein. Es ist so, wie es immer ist: Warum sagt mir keiner was? Klar kenne ich die Dame, die sich in der Liga der außergewöhnlichen Krimiautorinnen die vorderen Ränge mit einer Kollegin (die mit den komischen Brillen) teilt. Gelesen habe ich sie halt noch nicht, bis auf den Geniestreich mit jenen "Leichen, die auf Kühe starren".

Da es aber mindestens zwei bis drei Lesern ebenso ergehen mag, hier ein paar wahllos aus meinen Notizen herausdestillierte Anmerkungen, soweit sie noch lesbar sind. Jene sollte man eben, wenn sie denn schon notwendig sind, nicht während diverser Lachanfälle zur Niederschrift bringen.

Da wäre also erst einmal der Held, der auch noch fast so heißt. Siggi Seifferheld ist nicht nur ein Ex-Kommissar, sondern auch ein Mitglied des Schwäbisch Haller "Männerstickclubs". Keinesfalls aber ein passives, sondern ein eher maßgebendes. Er gilt gar als "Deutschlands bekanntester Männersticker", der sogar eine eigene Stick-Sendung im Radio betreibt. Hier gilt es, nicht nur die große Zahl an Mitstickern mit Rat und Tat zu begleiten, sondern auch denjenigen, die das Männersticken belächeln, etwas entgegenzusetzen. So wie es der Rezensent, selbst ein führender Vertreter der stickenden Zunft, dereinst tat.

Fast laufen die spaßigen Rahmenhandlungen dem Kern der Geschichte etwas den Rang ab, was sich jedoch schlagartig ändert, als dem ehemaligen Kriminaler etwas passiert, was jenem Klientel eher selten widerfährt: Er wird des Mordes verdächtigt. Da es bei Tatjana Kruse nicht nur um schräge Wortakrobatik, sondern auch um Superlative handlungstechnischer Art geht, beziehen sich die Verdächtigungen ehemaliger Kollegen nicht nur auf einen einzigen Mord.

Das kann ja heiter werden, könnte man meinen. Und es stimmt sogar im wörtlichsten aller Sinne. Es fängt schon damit an, dass es sich bei der Mordwaffe um ein durchaus unübliches Gerät handelt. Auch die schon erwähnten Nebenkriegsschauplätze vereinfachen die Lage nicht gerade. Ausgerechnet während seine geliebte Marianne aushäusig weilt, um eine komplizierte Erbschaftsangelegenheit an- und auszufechten, nervt ein ebenso alabasterhäutiges wie zuckersüßes weibliches Wesen namens Gunda Selund, welches sich in den Kopf gesetzt hat, eine Biografie des "Stickerkönigs" zu verfassen.

Wie in jedem guten Film gibt es auch in der Literatur oscarreif besetzte Nebenrollen. Eine davon ist Nachbarin Frau Hoppe, die das Klischee einer kissengestützten, lebendigen "Überwachungskamera" brillant umsetzt. Viel Text hat sie nicht, insbesondere wenn lautunterstützende, künstliche Körperteile noch nicht eingesetzt sind, was sehr schade ist. Na dann vielleicht beim nächsten Mal.

Du liebe Zeit, jetzt hätte ich fast das Wichtigste vergessen. Nein, das Buch ist NICHT "gut" geschrieben und "flüssig" zu lesen, was schon einmal die besten Voraussetzungen dafür sind, dass man es nicht in einem Zug lesen kann. In einem Zug schon, aber nicht in einem Zug. Der Rezensent gehört nämlich zu jenem Personenkreis, der sich liebend gerne und oft über die gleichen Pointen amüsieren kann. Ständiges Zurückblättern und nimmermüdes Wiederholen der Lieblingspassagen ist allenthalben angesagt!

Sprachlich bewegt sich Tatjana Kruse wieder auf allerhöchstem Niveau. Wie schon an anderer Stelle erwähnt, kann man sich das Nachschlagen im Duden sparen, was ihre Auswahl an selbstgebastelten Adjektiven betrifft. Mein absolutes Lieblings-Wiewort ist ... nein, verrate ich nicht. Na gut. Nachzulesen auf Seite 211 ganz unten. LOL

Insofern handelt es sich bei "Der Club der toten Sticker" um ein ausgesprochen nachhaltiges Werk, denn es beschäftigt einen noch lange, was nach dem völlig aus dem Ruder laufenden Finale sowie der aufgeflanschten Schlusspointe ja auch kein Wunder ist. Vorsicht geboten ist aber bereits während der Lektüre und eine Lesepause dringend anzuraten, da sich beginnende Bewusstseinsstörungen andeuten, wenn man beispielsweise "Leichenanzug" statt Leinenanzug lesen sollte.

Regelrecht verwöhnt werden wir dann mit Add-ons, für die sich heute kaum mehr jemand die Mühe macht. Wie gerne würde man über das weitere Schicksal der handelnden Personen etwas in Erfahrung bringen, wenn man sie mitunter bereits vermisst, bevor die Geschichte zu Ende ist. Tatjana Kruse gibt in einem ausführlichen Epilog ebensolche Antworten, und für ein Inhaltsverzeichnis und eine Besetzungsliste ist sie sich ebenfalls nicht zu fein. Das nenne ich eine literarische Vollbedienung!

Fazit: Schräges Lesevergnügen mit Nebenwirkungen. Fragen sie Ihren Arzt oder Apotheker.

 

Thomas Lawall - Mai 2021

 

 

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