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Literatur

Bataillon d'Amour

von André Pilz


336 Seiten
Ungekürzte Taschenbuchausgabe
Haymon Taschenbuch, Innsbruck-Wien 2011
www.haymonverlag.at
© 2007 Archiv der Jugendkulturen Verlag KG, Berlin
www.liebeundgewalt.blogspot.com
ISBN 978-3-85218-847-8



André ist oft in einem deutschen Chat. Mayra will es auch einmal versuchen, auch wenn sie noch gar nicht genau weiß, was das eigentlich ist. André erklärt es ihr und meint, sie könnte doch eigentlich in deutsch schreiben, da ihr Vater schließlich ein Deutscher gewesen sei. Er meldet sie im Chat an und richtet ihr eine E-Mail-Adresse ein. Die Regeln sind schnell erklärt und Mayra ist sofort Feuer und Flamme. Es macht Spaß, einfach so los zu erzählen, unverbindlich und völlig losgelöst von allem. Ab sofort ist sie unter dem Nick "Kolumbianerin21" unterwegs. Und sie hat "Erfolg", denn sofort fallen männliche Chatter wie Fliegen über sie her. Spätestens jetzt hätte sie das Spiel mit dem Feuer beenden sollen ...

Die Männer wollen alle "Cybersex". Aber es gibt eine Ausnahme und wenn man naiv genug ist, fällt man bekanntlich gerne auf solche herein. "Radog" ist anders. Er ist nett, wohnt in München und studiert Biologie im siebten Semester, wie er schreibt. Und er möchte nicht die Größe ihrer Brüste wissen. Dies reicht offenbar schon, um gewisse Gefühle in Mayra zu wecken. Ohne ihn auch nur ein einziges Mal nach seinem Namen zu fragen, beginnt sie, sich in ihn zu verlieben. Nicht einmal ein Bild braucht sie dazu. Sie ist überzeugt, die Zeit wäre gekommen und der berühmte Pfeil hätte sie mitten ins Herz getroffen. Worte genügen ihr. Das muss echt sein. Nichts was ihre Augen sehen müssen. Die lassen sich sowieso gerne täuschen.

Doch es sind auch andere im Chat. Solche, die nur auf sie gewartet haben. Schließlich erreicht sie ein Angebot aus Deutschland. Auf dem Oktoberfest in München werden Bedienungen gesucht. Sie nimmt das Angebot an. Sie ahnt etwas, doch Verzweiflung und Hoffnung sind stärker. Was sie nicht ahnt ist, welche fatalen Folgen Nicks in sozialen Netzwerken haben können und welche dramatischen Eigentore man damit schießen kann ... und wer "Radog" ist, erst recht nicht ...

In gewohnt schonungsloser Offenheit und mit drastischem, aber schnörkellos-ehrlichem Vokabular schildert André Pilz die menschlichen Abgründe vor dem Hintergrund von Zwangsprostitution ... und dem ganzen Thema der käuflichen Liebe überhaupt! Denn einerseits sind Art und Weise, wie hier mit Frauen gehandelt und generell umgegangen wird, mehr als nur erbärmlich und widerwärtig, und anderererseits lässt dies fast vergessen, in welchem Jahrhundert wir eigentlich leben. In weiten Kreisen scheint sich noch immer nicht herumgesprochen zu haben, was Menschenrechte wohl bedeuten könnten. Gleichberechtigung und Menschenwürde dürften ebenfalls weiterhin Fremdworte sein. Wenn Frauen immer noch und schlimmer noch als Vieh behandelt werden, muss man sich überlegen, wie weit wir in der Evolution wirklich gekommen sind bzw. auf welcher Stufe wir tatsächlich stehen.

Neben allem berechtigten Zorn gegen die Machenschaften übler Menschenhändler und Bordellbetreiber sollte der wahrlich schockierte Leser allerdings nicht vergessen und übersehen, dass all die Grausamkeiten gar nicht erst entstehen würden, wenn nicht ein gewisser "Bedarf" bestehen würde! Ich will hier nicht darum streiten, ob nun der Markt die Nachfrage oder die Nachfrage den Markt steuert und reguliert. Fakt ist, das etwa 400.000 Prostituierte allein in unserem schönen Land jährlich 12-15 Mrd. Umsatz bringen. Täglich nehmen 1,2 Millionen Männer in Deutschland sexuelle Dienstleistungen in Anspruch! Der Bedarf ist riesig, das Geschäft lohnt sich. Für Nachschub muss ständig gesorgt werden, sonst wird es ja langweilig ...

... aber was rege ich mich überhaupt auf. "Bataillon d'Amour" ist doch nur eine Geschichte. Alles nur fiktiv und gar nicht wahr. Oder etwa doch ... ?

Der Autor vergisst nicht, das Elend und die Lebensumstände der Frauen zu beschreiben, die oft keine andere Wahl haben, sich wissentlich oder unwissentlich auf riskante Arbeitsangebote einzulassen. Zu groß ist die Not ihrer Familien, die am Rand der Gesellschaft dahinvegetieren. André Pilz weiß um die Lebensumstände der Ärmsten der Armen. Er weiß es, wie viele andere auch. Doch er redet und fabuliert nicht um den heißen Brei herum. Die Thematik verlangt glasklare Worte. Pilz hasst Beschönigungen. Man sollte also dahingehend keinerlei Hoffnungen knüpfen.

Nach dem Erfolg seines dritten Romans "Man Down" (2010) dürfte sein zweiter, der in einer ungekürzten Neuauflage 2011 bei Haymon erschienen ist, eine größere Aufmerksamkeit erfahren. Ob dies an den richtigen Stellen geschehen wird, ist allerdings fraglich. Es wäre ein kleines Wunder, wenn Literatur dies bewirken könnte. Einen Versuch ist es jedoch allemal wert!

 

© Thomas Lawall - Februar 2011 - www.querblatt.com

 

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