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Literatur

Aasplatz
Eine Unschuldsvermutung


von Manfred Wieninger


272 Seiten
© 2018 Residenz Verlag GmbH
Salzburg - Wien
www.residenzverlag.at
ISBN 978-3-7017-1692-0



Schön, dass es noch "vernunftbegabte Autoren" gibt, welche sich nicht nur mit dem Abschluss einer "teuren Rechtsschutzversicherung" begnügen, sondern auch ebenso klare wie rechtsverbindliche Formulierungen addieren, zwecks zusätzlicher Absicherung gegen alle denkbaren Eventualitäten, im Zusammenhang mit nur schwer dingfest zu machenden Kapitalverbrechern aus dem Umfeld der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft des vergangenen, "tausendjährigen Reiches".

Vergangen sind mitunter auch die Erinnerungen an jene Zeit, die sich immer mehr im Nebel einer kollektiven Alzheimer-Erkrankung aufzulösen scheint. Dennoch: Eine "Unschuldsvermutung", bezüglich des angesprochenen Personenkreises, ist selbstverständlich angezeigt und vehement zu unterstreichen. Und überhaupt: "Besser ein paar Unschuldsvermutungen zuviel, als eine zuwenig."

Manfred Wieninger hat sich wieder auf den Weg gemacht, als einsamer Rufer in der Wüste, in unerwünschten Kapiteln der Weltgeschichte herumzustöbern, nicht nur um aufzuklären, sondern auch jenen gottverlassenen Seelen, die das Pech hatten, als Juden auf diese Welt zu kommen und dafür vernichtet wurden, so etwas wie ein posthumes Gehör zu verschaffen. Immerhin und doch wenigstens etwas.

Es ist die Geschichte der Anna Koinegg, geb. Hafner, welche sich am 19. August 1957 entschließt, "im schönen Land Steiermark", genauer gesagt im Gendarmerieposten zu Kapfenberg, "Ungeheuerliches" zum Vortrage zu bringen.
Der Autor wählt, ähnlich wie in "223 oder Das Faustpfand", eine Romanform als verbindendes Element zur umfangreich recherchierten Faktenlage und dies in einer respektvoll Abstand haltenden, fast augenzwinkernden Position. Deshalb darf er sich als Autor auch etwas unkonventionelle Mittel erlauben, indem er seiner Akteurin zwecks Beruhigung erst einmal eine Filterzigarette gönnt.

Was nun folgt, ist natürlich nicht die Geschichte der Koinegg, sondern die eines Irrsinns, welcher sich so und ähnlich nicht nur in Gemeinden wie Jennersdorf, nahe der ungarischen Grenze, zugetragen hat. Immerhin hat sie durch ihre mutige Entscheidung diese Lawine überhaupt ins Rollen gebracht. Die Romanform könnte verstören, aber immer noch besser als ein lebloses Tabellarium an Aktenvermerken, Vernehmungen und Zeugenaussagen. Angesichts der zu behandelnden Thematik ist es sowieso verwunderlich, dass der Autor in der Lage ist, überhaupt noch eine literarische Form zu wahren, ohne, permanent die Fäuste ballend, eine wüste Anklageschrift zu verfassen, oder gleich völlig zu resignieren.

Ja ... es sind nicht nur Juden in großem Stil verschleppt und umgebracht worden, sondern auch in vielen kleinen Gruppen, wo sie ebenfalls Opfer einer schier unglaublichen Willkür und Menschenverachtung geworden sind. Hier waren es 29 Opfer, es können jedoch auch 100 gewesen sein, so genau vermag man sich nicht zu erinnern. Weitere Zeugen belegen Greueltaten gleichen Ausmaßes, die in ihrer Gesamtheit leider eines gemeinsam haben: Vor Gericht würden die Aussagen nach geltendem Recht wenig Anklang finden.

Was zu beweisen war, denn es hat viele Jahre gedauert, bis die entsprechenden Akten ihrer "Schubladisierung" entkommen sind und auf wundersamen Wegen den Opferstaat Österreich verließen und zur Staatsanwaltschaft Mannheim wechselten. Von nun an kommt Bewegung in die Angelegenheit, derer sich in der Hauptsache, neben den deutschen Kollegen, Kriminal-Bezirksinspektor Hans Landauer annimmt.

Selbst prominente Unterstützung ist angesagt, denn niemand Geringerer als Simon Wiesenthal kommt zu einer Visite nach Jennersdorf, wo es auf dem "Friedhof", der gar keiner ist, zu bewegenden Szenen kommt. Später werden auf dem "Aasplatz", dort wo die Gemeinde seit jeher Tierkadaver entsorgte, tatsächlich Skelette der ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter gefunden. Wild durcheinandergewürfelt, was die Abscheulichkeiten, die dort stattfanden, noch einmal auf schier unerträgliche Weise unterstreicht.

Unterstrichen werden muss aber auch, dass es immerhin und wenigstens möglich ist, solche Bücher zu schreiben, auch wenn es tatsächlich nur eine einzige Person gibt, die eben jenes zu verfassen gedachte. Von den Mühen der Recherche will der Rezensent erst gar nicht anfangen. Und ohne Anna Koinegg hätte es dieses Buch schon gar nicht gegeben. Ja und dann muss es noch einen Verlag geben, der "so etwas" abzudrucken gewillt ist. Es sind also mehrere Hüte zu ziehen!

 

Thomas Lawall - März 2019

 

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