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CD-Review


Emotionale Achterbahnfahrt in der Düster-Metal-Oper

Das erste Mal kam ich 1995 mit Virgin Black in Berührung. Vermittelnde Funktion hatte der Fanclub von Psychotic Waltz (R.I.P.), dessen Mitglied Alex von seinem Australien-Aufenthalt ein paar Exemplare des Debüt-Demos mit nach Deutschland brachte und dafür Promotion machte. Durch das FC-Zine bekam ich die News mit, woraufhin ich mir das Tape zulegte. Schon beim ersten Hören war ich sehr angetan, und einige Durchläufe später gar vollauf begeistert! Doomiger bis gotischer Metal mit brillanten Melodien, abwechslungsreichen Vocals und auffallend originellen Gitarren war es, den VB schon auf dem ersten Demo in nahezu perfekte Songs mit tiefgehenden Lyrics kleideten. Heraus ragte "Anthem", eine wahre Hymne voll melancholischer Schönheit mit überwältigendem Refrain. Schauder!

Jahre später beschloss ich, der Band endlich mal zu schreiben, um ihnen meine immer noch anhaltende Begeisterung mitzuteilen. Ich bekam sogar eine sehr nette Antwort und blieb mit Gitarristin Samantha, der Haupt-Songschreiberin neben Sänger/Keyboarder Rowan, in Kontakt.
1998 dann endlich ein neues musikalisches Lebenszeichen, die CD-EP "Trance". Doch was war das? Zu Anfang war ich reichlich verwirrt von dem neuen Material. Statt eingängiger, homogener Songs wie auf dem Demo schallten mir nun weitaus avantgardistischere Klänge entgegen. Ich hatte Zweifel, ob mir dieser Stoff ebensoviel würde geben können. Nicht verzagend hörte ich die Scheibe ein ums andere Mal und es kam, wie es kommen musste: Die komplexen Stücke enfalteten zunehmend ihre Wirkung, so dass ich bald auch von diesem Werk schwerstens beeindruckt war. Obwohl "Trance" nur eine Spielzeit von 14 Minuten aufweist, hat die EP dermaßen viel zu bieten, dass sie auch beim 153sten Durchlauf noch mit ihrem Facettenreichtum begeistern kann. Die ganze Palette düsterer Musikalität kommt zum Ausdruck, wobei von balladesk-verträumten über sakral-bedrohliche und hart rockende Klänge bis zu heftigen Abfahrten mit entsprechend krassen Vocals alles am Start ist. Eine stilistische Zuordnung der Musik von VB (abgesehen davon, dass die Grundsubstanz düster-metallisch ist) ist spätestens nach dieser CD kaum mehr möglich. Zu originell ist die Vertonung verschiedenster Stimmungen, wobei auch die Keyboard-Klänge erhöhten Anteil bekommen haben. Dass in der Band ein gewaltiges Potential schlummerte, war mir spätestens jetzt absolut klar. Ein Album musste her...

"Sombre Romantic" erblickte im September 2000 als Eigenproduktion das Tageslicht. Und ich will nicht lange palavern, das Ding ist ein wahrer Hammer vor dem Herrn! Alle Qualitäten der vorigen Veröffentlichungen sind auch darauf uneingeschränkt vertreten. Allerdings hat die Band einen weiteren Schritt nach vorn getan, indem sie häufig symphonische Arrangements in die neuen Tracks integriert hat. Auf diese Weise erzeugt sie an den entsprechenden Stellen wuchtige Erhabenheit und klassische Eleganz, so dass man den Eindruck bekommt, sich auf einem Trip durch den Opernsaal der Verdammnis zu befinden. Diese Chöre sind der Wahnsinn! Auch die anderen Bestandteile des Sounds (Vocals von flüsterndem Sprechgesang bis fast schwarzwurzeligem Gekeife, hauptsächlich aber cleaner, voluminöser Gesang mit sakralem Unterton; einzigartige, oft doomige Klampfen; abwechslungsreiche Rhythmusarbeit; vielfach eingesetzte Pianoklänge; Synthie-Malereien;...) klingen einfach genial und sind perfekt zusammengefügt. So ergibt sich ein soundtrack-artiges Gebilde, das den willigen Zuhörer hinab zieht in einen Strudel dunkler Leidenschaft. Der cello-umschmeichelte bombastische Instrumental-Opener weist den Weg zu verzweifelten Oden an den Gott der Dunkelheit. Eine Verschnaufpause bietet erst das größtenteils akustische "Museum of Iscariot", das mit wunderschöner Melodie und überirdischem Gitarrensolo betört. Gänsehaut pur! Weitere Perlen eruptiver Emotionalität folgen, bis die finale Ballade "A Poet's Tears of Porcelain" scheinbar beruhigenden Trost spendet. Doch es ist bereits zu spät - die Abgründe menschlicher Gefühlswelten wurden dir schonungslos offenbart, du wachst auf im Tal der Finsternis und fühlst dich einsam und verloren. Doch halt, siehst du nicht am Horizont diesen sanft lächelnden Engel, der dich zu sich ins dämmerige rötliche Licht winkt...?
Checkt bei Interesse die sehr edle Homepage (siehe Links) an, oder sichert euch am besten gleich "Sombre Romantic". Da Virgin Black inzwischen bei Massacre Records untergekommen sind, ist das Album bei den üblichen Quellen problemlos erhältlich. Schon für Mitte 2002 ist die Veröffentlichung des Nachfolgers geplant...


Carsten Buchhold
 

 

 

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