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Live-Review

Virgin Black / Wave-Gotik-Treffen

Leipzig, 5. u. 6. Juni 2003


Endlich, nach all den Jahren der Verehrung ihrer Musik, sollte es soweit sein: Virgin Black kündigten eine Tour an, die sie auch nach Deutschland führen sollte. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass vorher das neue Album erscheinen würde, um dieses dann mit einer amtlichen Rundreise zu promoten. Letztlich hat dieses aber wohl zeitlich nicht mehr ganz hingehauen, so dass im Anschluss an eine kleine US-Tour mit Antimatter (feat. Duncan Patterson) nur zwei Gigs in Leipzig auf dem Plan standen. Somit war natürlich klar, dass ich dorthin musste.

Nach dem Einchecken in meiner Nobelherberge ("Monteurszimmer", 20 €, Fassade im Abbröckeln begriffen) begann auch schon das Intro zum Konzert: Ein gewaltiges Gewitter mit anschließendem Monsun brach sich Bahn und tauchte die Messestadt für beinahe 2 Stunden in sinistres Dunkelgrau. Wenn das mal kein Auftakt nach Maß war! Dann ein kurzer Fußmarsch entlang ruinenumsäumter Straßen, um sogleich am Ort des Geschehens einzutreffen, dem Freizeitzentrum Rabet, bekannt für kulturelle Highlights aller Art. Proppenvoll war der Club noch nicht gerade, was aber wohl auch niemand wirklich erwartet hatte. So waren es kaum mehr als 75 glückliche Menschenkinder, die diesem denkwürdigen Abend beiwohnen sollten.

Da die Veranstaltung unter dem Motto "Gothic Christ Vol. II - spiritual WGT warm-up" stand, also quasi ein Mini-Festival am Vorabend des Maxi-Festivals war, hieß es, zunächst zwei Vorgruppen zu überstehen. Exaudi waren bei meinem Eintreffen bereits voll bei der Sache und versuchten mit ihrem Gothic Metal mit todesbleiverdächtigen Röchelvocals das Publikum in Wallung zu bringen. Was alles andere als leicht war angesichts tropischer Temperaturen und einer Luftfeuchtigkeit von ca. 120 %. Ich zog es dann auch vor, mein warm-up an der klimatisierten Theke zu beginnen, denn schließlich galt es, die aufkommende Nervosität im Zaum zu halten.

Dead Turns Alive brachten nicht nur einen weitaus klangvolleren Namen sondern auch lustige Outfits ins Spiel. Fred vom Jupiter (copyright: Simone S.) und sein Kollege im Mülltütenoverall legten Elektro-Fundamente aus für den Gesang eines eher punkig gekleideten jungen Mannes. Wirklich begeistern konnten auch sie mich nicht, aber wie auch angesichts dessen, was gleich folgen sollte?

Bereits beim Betreten der Bühne edle Vibes versprühend war es nun tatsächlich soweit: Nach standesgemäßer Ankündigung eines der netten Veranstalter legten Virgin Black mit "Opera de Romanci" los und sofort war klar, dass die Band auch live etwas ganz besonderes ist. Sogleich stellte sich bei mir eine intensive Gänsehaut ein, die mich bis zum Ende der Show nicht mehr verlassen sollte. Der Sound war erdiger als auf Scheibe, logisch, und trotzdem klang alles bombastisch fett. Gerade so, als wenn die Stücke tatsächlich in erster Linie für die Bühne erdacht und nicht erst im Studio unter intensiver Tüftelei in dieses perfekte Klanggewand gebracht wurden. Waren da überhaupt Samples? Kann ich gar nicht mehr mit Bestimmtheit sagen.

Im Mittelpunkt des Geschehens standen erwartungsgemäß die beiden Hauptfiguren: Rowan bringt nicht nur seinen facettenreichen Gesang ausdrucksstark rüber, sondern sorgt am Keyboard auch für fundamentale Aspekte des Sounds. Dabei bergen die ruhigen Stellen, bei denen er sich nur selbst begleitet, besonders eindringliche Momente. Überhaupt traut sich das Publikum manchmal kaum zu klatschen,wenn ein Stück langsam verklingt.

In der Mitte der Bühne befindet sich Samantha, die mit ihrer Gitarre verschmolzen scheinbar in ganz anderen Sphären weilt. Wild bangend oder entrückt schwelgend geht sie völlig in der Musik auf. Echt faszinierend. Ich habe noch nie jemanden so spielen sehen!

Die anderen drei Bandmitglieder sind zwar bei weitem nicht so auffällig, was aber nicht heißen soll, dass sie Statistenrollen spielen. Schließlich sind Virgin Black eine eingespielte Einheit, was vor allem bei den Chören zum Ausdruck kommt. Eine personelle Überraschung gab’s aber trotzdem, denn ihren Bassisten hatten sie aus den USA mitgebracht!

Highlights des Programms kann ich beim besten Willen nicht nennen, denn VB gehören zur seltenen Spezies von Bands, bei denen wirklich jeder Song eine Macht für sich ist. Erstaunlicherweise kannte ich sämtliche Tracks, obwohl ich mit verstärkter Präsenz der neuen Kreationen von "Elegant... and dying" gerechnet hatte. So blieb "And the kiss of God's mouth" der einzige Neuling, der gütigerweise bereits von The End Records als Download bereitgestellt worden war. Das Ding läuft schon beim ersten Hören rein wie frisch Gezapftes und macht gierig nach viel mehr. Daneben gab es fast das komplette "Sombre Romantic"-Album zu zelebrieren. Womit ich allerdings überhaupt nicht gerechnet hatte, waren Songs vom Demo. Das Hammerteil "Mother of cripples" und mein persönlicher VB-Hit schlechthin "Anthem" kamen tatsächlich zu Ehren! Einfach nur schön.

Viel zu früh war auch schon wieder alles vorbei. Gefühlte Spieldauer: 10 Minuten.
Beim abschließenden Backstage-Plausch konnte ich feststellen, dass die Musiker zu allem Überfluss auch ausgesprochen nett sind. So bin ich dann noch mit einigen Gratis-Bieren abgefüllt worden und durfte glücklich verstrahlt zurück in mein Monteurszimmer wanken.

Morgens um 7 am ersten Tag des WGT, mitten auf der Dresdner Straße unweit des Stadtzentrums: Ich wache auf und frage mich, wieso ich zwischen fahrenden Autos und Straßenbahnen liege. Ach nee, bin doch im Hotel, aber der durchs offene Fenster  auf mich einbrüllende Sound ist ein unsanfter Wecker. Egal, ich wollte ja eh früh aufstehen.

Nachdem die Formalitäten am Agra-Gelände geklärt sind, mache ich mich auf den Weg zur Parkbühne. Diese erweist sich als sehr geräumig, wohingegen der Zuschauerraum jedoch arg begrenzt ist. Das macht aber nichts, denn bis zum Headlinerauftritt zu späterer Stunde verlieren sich kaum mehr als 300 Nasen im idyllischen Rund. Eigentlich schade angesichts der perfekten äußeren Umstände, aber vielleicht war es für viele Schwarzkittel einfach zu sonnig.

Den Auftakt machen Dementi mit unspektakulärem Gothic Rock mit deutschen Lyrics. Was die Jungs mit ihrem Sound nicht reißen, versuchen sie anscheinend mit einer effektheischenden Pyroshow wett zu machen. Nicht nur dass es bisweilen mächtig rumst auf der Bühne, es stehen auch diverse Metallrohre umher, aus denen es gar mächtig emporflammt. Leider passen diese Elemente so gar nicht zur Musik, so dass das gemütlich kauernde Publikum auch auf Aufforderung nicht zum Aufstehen zu bewegen ist. Was solls, aller Anfang ist schwer.

God's Bow treffen dann zwar eigentlich noch weniger meinen Geschmack, doch dem Duo merkt und hört man Inspiration und Musikalität an. Und in diesem Fall kann ich mir auch mal Elektrosound mit Elfengesang ziehen. Waren ganz nette Songs, die die beiden zum besten gegeben haben, und so haben sie sich ihren Applaus redlich verdient.

Jetzt war ich einigermaßen gespannt, was The Equinox Ov The Gods bieten würden, denn ich konnte mich dunkel erinnern, dass die Band in grauer Vorzeit mal im legendären Reflections Of Doom gefeatured worden war. Und tatsächlich, es war beeindruckend, was jetzt auf der Bühne abging. Ganz klar im Mittelpunkt des Geschehens stand der imposante Sänger, der gruftig geschminkt in mönchsartiger Kutte das Publikum in seinen Bann zog. Sein Gesang kam leicht grunzig, war aber ein gutes Stück von todesmetallischen Gefilden entfernt. Die Mitmusiker begleiteten ihn größtenteils im metallischen Midtempobereich, wobei oftmals auch doomige Regionen angetastet wurden. Allerdings nutzte sich die Wirkung des Ganzen nach drei, vier Stücken langsam ab, was wohl ein Zeichen dafür ist, dass das Songwriting durchaus ausbaufähig ist. Da ist noch mehr drin, Leute, macht was draus.

Hatte der Nachmittag bis dahin nett vor sich hin geplätschert, stieg der Spannungspegel plötzlich in schwindelerregende Höhen. Virgin Black schickten sich an, nach ihrem Europa-Debüt am Vorabend wenige Kilometer entfernt, den 2. Auftritt in Leipzig auf die Bretter zu legen. Und was mich wirklich erstaunte: Das bis dahin träge herum sitzende Auditorium erhob sich zum größten Teil und rückte näher an die Bühne heran. Es hat sich also scheinbar zumindest in Kennerkreisen herum gesprochen, was diese Australier zu bieten haben. Und das war wiederum enorm viel. Trotz fehlenden Soundchecks flossen ihre orchestralen Hymnen in beeindruckender Weise aus den Speakern. Im Gegensatz zum Clubgig tags zuvor war ich mir diesmal sicher Samples zu vernehmen, was mich in gewisser Weise beruhigte, denn sonst hätte ich mir einen derart kompletten Sound kaum erklären können. Auch im gleißenden Sonnenlicht verfehlten die düster-romantischen Epen ihre Wirkung nicht. Vor Rührung hatte ich mindestens zweimal Tränen in den Augen - weitere Kommentare meinerseits zur Show erübrigen sich daher wohl. Was die rohen Fakten angeht, will ich noch vermerken, dass erneut das "Sombre Romantic"-Album den Hauptteil der Show ausmachte, ergänzt durch jeweils einen brandneuen und einen Demo-Track. Die übrigen Anwesenden schienen ähnlich über das Dargebotene zu denken, denn der Schlussapplaus war gewaltig und mündete in Zugaberufen. Was angesichts des Zeitplans leider nicht erwidert werden konnte, doch die Band schien sichtlich erfreut über die heftigen Reaktionen. Man hatte den Eindruck, dass hier der Grundstein zu Größerem gelegt wurde. Mal schauen, ob sich das auf der in Kürze anstehenden Tour fortsetzt...

Nach einer Abkühlung an einer der gut bewirteten Theken ging es weiter mit Virgin Blacks Labelkollegen Evereve. Jetzt musste das Niveau einfach abfallen, so viel war klar. Und wie bei meiner letzten Begegnung mit selbiger Truppe hatte ich auch diesmal wieder den Eindruck, dass Anspruch und Talent bei Evereve nicht ganz konform gehen. Die Kompositionen laufen mir zum einen Ohr hinein und zum anderen direkt wieder heraus. Da berührt nichts, bleibt keine Melodie hängen. Okay, so richtig schlecht ist der Stoff nun auch nicht, bisweilen habe ich meinen Fuß sogar beim Mitwippen erwischt. Allerdings kann das auch daran gelegen haben, dass die Show des Frontmanns wirklich erstklassig ist. Er hat Ausstrahlung, hängt sich rein und versucht permanent etwas mehr zu bieten als bloße Vocals. Höhepunkt des Treibens war dann beim letzten Stück sein Ausritt ins Publikum auf den starken Schultern eines Fans, der sogar noch selber kurzzeitig das Mikro übernommen hat. Wat 'n Tier!

Gespannt durfte man nun sein, wie Flowing Tears mit neuer Sängerin ankommen würden. Und ohne große Umschweife: Die Gute hat eine ähnliche Klasse wie ihre verehrte Vorgängerin. So sehr unterscheidet sie sich in ihrem Stil nicht, wie das vorher in Interviews angeklungen war. Etwas derber kommt sie rüber, aber sie kann die große Lücke füllen. Einzig am Outfit sollte sie noch arbeiten... (Details erspare ich mir aus Pietätsgründen.) Hoppla, Musik haben die Saarländer ja auch gespielt, und die war wieder mal vom Feinsten. Auch wenn die leicht gotischen Rocksongs beim flüchtigen Hören eher unspektakulär wirken - sie haben fast durchweg Hooks mit Langzeitwirkung und nicht zu verleugnenden Groove. Für meinen Geschmack könnten das bald ein paar mehr Leute honorieren.

Die Zeit für den Headliner war gekommen, und plötzlich füllte sich der Raum vor der Bühne. Zurecht, wie sich bald heraus stellen sollte, denn Tiamat boten ein rockiges Programm erster Kajüte. Wer immer noch denkt, die Truppe würde im Drogentran spannungslos vor sich hin dümpeln, sollte ihr eine neue Chance geben. Die Slumber-Zeiten mit dem unsäglichen Headliner-Auftritt beim Dynamo-Festival sind nämlich schon lange vorbei. Heutzutage wird hauptsächlich Stoff der beiden letzten Alben gespielt, was heißt sie treten Arsch, reißen mit, grooven amtlich. Okay, hier und da wird das Tempo auch mal geschickt raus genommen. Das ist dann aber gleichbedeutend mit fetter Atmosphäre, so dass beide Seiten des Edlundschen Universums bestens zur Geltung kommen. Überhaupt ist Johan E. einer der wenigen echten Rockstars der Neuzeit, schon gemerkt?

Leider habe ich die Parkbühne während der Zugabe vorzeitig verlassen müssen, weil ich nichts vom The Gathering - Auftritt in der Agra-Halle verpassen wollte. Zum Glück stellte sich die dortige Schlange am Eingang als Treffpunkt für passionierte Wartefreaks heraus, denn es gab genügend andere Pforten mit sofortigem Einlass. Drin angekommen blieb einem aber erstmal die Luft weg angesichts des massenhaften Gedränges, was sich jedoch legte, nachdem Umbra Et Imago ihren für mich belanglosen Set beendet hatten. Trotzdem war es beeindruckend, wieviele der Waver und Gothics sich immer noch für die Holländer interessieren, obwohl deren Sound mittlerweile nicht mehr viel der früheren Düsternis aufweist. Fragte sich, ob die Band Kompromisse eingehen und verstärkt alte Klassiker auskramen würde. Mitnichten! The Gathering spielten ihren wohl neuzeitlichsten Set überhaupt, basierend auf allem ab "How to measure a planet?" Und das war gut so, das Volk war einverstanden und ließ sich willig ins Triprock-Nirwana beamen. Sie haben einfach alles richtig gemacht, einen Hammer nach dem nächsten gespielt und ungekünstelt sich selbst dargestellt. War Anneke jemals so bezaubernd? Oder waren es schon außerkörperliche Erfahrungen inkl. Engelserscheinungen, die mich zu später Stunde heimsuchten? Wie auch immer, The Gathering waren noch nie dermaßen brillant, es war einfach zum Heulen schön. Die "Liberty Bell" zum Abschluss läutete mir das finale Grinsen ins Gesicht, das ich wohl auch am nächsten Morgen noch mit mir tragen sollte. Was juckte mich jetzt noch das Geseiere von DAF? Dann schon lieber ein Schlummifix und gemütlich ins KFZ gebettet.

Danke, Leipzig!

 

Carsten Buchhold; Juni 2003

 

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