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Siemens Festspielnacht Bayreuth 2011 - Lohengrin
Public Viewing auf dem Volksfestplatz in Bayreuth am 14. August 2011



Die vierte Bayreuther Festspielnacht war vielleicht nicht die bestbesuchte (wenn bei den ersten drei Veranstaltungen richtig gezählt wurde), aber sie war mit Sicherheit die spektakulärste! Einmal mehr entwickelte sich die Idee einer Direktübertragung aus dem Festspielhaus Bayreuth zu einem wahrhaftigen Publikumsmagneten.
Auch auf ARTE wurde die Aufführung live übertragen, nachdem die Veranstaltung bereits um 11.00 Uhr mit einem "Ring" für Kinder begann. Die weltweiten Fans wurden gar mit einem Webstream beglückt, der noch bis Ende des Monats als On-demand-Version
abrufbar ist. Das Publikum wurde von Festpielchefin Katharina Wagner persönlich begrüßt. In Interviews stand sie, gemeinsam mit Oberbürgermeister Dr. Michael Hohl sowie Michael Roßnagl (Leiter des Siemens-Kunst- und Music Education Programms) Rede und Antwort. Zu dieser Zeit wusste aber noch niemand, wie sich die weiteren Ereignisse gestalten sollten ...
Die Frisur des "Heerrufers" schien sich nicht um die Kräfte der Schwerkraft zu scheren und leistete diametralen Widerstand. In scharfem Kontrast dazu stand das ebenso bodenständige wie funkensprühende Selbstbewusstsein, mit welchem Samuel Youn seinen Part zu ungewohntem Glanz erhob.

Wir erlebten einen verwirrten König Heinrich, dem nicht wirklich klar zu sein schien, wie ihm geschah.
Inmitten seines "Volkes" wirkte er gar völlig deplaziert. Stimmlich aber über jeden Zweifel erhaben, intonierte Georg Zeppenfeld als "Heinrich der Vogler" wahrhaft königlich!

"Elsa" stimmte etwas verhalten an, was ihrer Rolle im ersten Akt durchaus zusteht und auch nicht anders erwartet wird. Wie auf den Leib geschrieben, kam die Steigerung ihrer ausdrucksvollen Möglichkeiten im zweiten und dritten Akt, und zwar derart intensiv, dass sich mir die Frage aufdrängte, ob ich mit Annette Dasch jemals eine facettenreichere Elsa gesehen und gehört habe.
Im ersten Akt nur grimmig dreinschauend und am Rande das Geschehen beobachtend, lauerte "Ortrud" - mit intriganter Mimik kündigte sie wahrlich nichts Gutes an. Dies bestätigte sich spätestens im zweiten Akt mit "Entweihte Götter", einer der Referenz-Arien Wagners, an der sich jede Ortrud messen lassen muss. Mit der erforderlichen Stimmgewalt, verbunden mit einer abgründigen, endgültigen Schlechtigkeit, zauberte Petra Lang, scheinbar mühelos aus dem Ärmel geschüttelt, eine furiose Interpretation und setzte mit den Worten "segnet mir Trug und Heuchelei, dass glücklich meine Rache sei" eine neue Messlatte in Sachen giftiger Bösartigkeit auf die Bühne, wie es eine Christa Ludwig nicht grandioser hätte gestalten können. Ganz große Oper!

Klaus Florian Vogt spielte und sang den "Lohengrin" frisch, jugendlich und unverbraucht. Der Schwanenritter wirkte in seinem ambivalenten Lebensgefüge fast kindlich spontan. Seine unschuldige Unbekümmertheit und seine grenzenlose Liebe und Zuversicht verwandelte er am Ende glaubhaft in tiefe Furcht, Angst und zuletzt in namenloses Entsetzen!
Friedrich von Telramund darf ebenfalls nicht vergessen werden. Sein Wankelmut und die tragische Fehleinschätzung der Gesamtsituation vermag bei diesem Lohengrin wohl niemand besser darzustellen als Jukka Rasilainen!       

Das  Bayreuther Festspielorchester und der kongeniale Chor gestaltete seine Aufgaben im Rausch von Wagners Klanggebirge gewohnt erhaben, fast wie nicht von dieser Welt! Ob es nun dieser ganz spezielle Abend war oder was auch immer mich zu diesen Gedanken drängt - das Orchester unter der Leitung von Andris Nelsons könnte sowohl den Leichtflug von Vogelfedern, als auch den Zusammenbruch mehrerer Gebirgsmassive gleichsam den jeweilenen Umständen entsprechend und adäquat untermalen. Diese verschworene Gemeinschaft von "Besessenen" zelebrierte den Lohengrin als glanzvoll tragisch-strahlendes Fest. Besser geht es nicht!

Üblicherweise steht zu Beginn einer Konzertkritik ein ausführlicher Verriss oder ein himmelhochjauchzendes Loblied bezüglich der Inszenierung auf dem ersten Programmpunkt. Ebenso üblich ist es, den entsprechenden Text auf mindestens zwei Drittel des Gesamtumfangs aufzublasen, während sich Orchester und Besetzung den kläglichen Rest teilen dürfen. Ich möchte zur Inszenierung von Hans Neuenfels so wenig wie (mir) möglich sagen, da ich im Moment ebenso wenig darüber weiß, wie verstanden habe. Ganz zweifellos steckt hinter diesem mit Metaphern überfrachteten Gebilde ein komplexer Sinn, welchen ich aber, bei allem gebührenden Respekt, völlig übersehen habe und dies in Zukuft möglicherweise weiterhin tun werde.

Wie auch immer die Oper in der Vergangenheit ausgesehen hat - wobei ich mich noch heute sehr gerne an meinen ersten Lohengrin in der Wiesbadener Staatsoper am Freitag, den 27. Sept 1974  erinnere - oder in Zukunft ausehen mag, für mich steht stets die Musik Wagners und jener Menschen im Vordergrund, die das Glück und die Fähigkeit besitzen, seine musikalischen Universen adäquat umsetzen und interpretieren zu können. Ich beneide sie, wie ich es immer tun werde, und es gehört zum höchsten Glück dieser Erde, eine gelungene Aufführung erlebt zu haben!

In Bayreuth ist dies in mehrfacher Hinsicht gelungen. Erstmals müssen aber völlig andere Kriterien mit einfließen, denn eine Wagner-Oper unter freiem Himmel erleben zu dürfen, sprengt allgemeine Vorstellungen und Erfahrungen gleichermaßen. Erstmals spielte (auch) das Wetter eine Rolle ...! Seltsam wird es gar, wenn es wie eine "inszenierung" wirkt! So geschehen in Bayreuth am 14. August 2011. Schon vor Beginn des zweiten Aktes wurde es düster, ein Sturm zog auf und so näherte sich das drohende Unheil mit unerwarteter Wucht.
Zum dunklen Getön und Ortruds Rachegier gesellte sich ein fundamentaler Platz- und Gewitterregen, der sich wahrhaftig gewaschen hatte! Die von der Festivalleitung bereitgestellten Überzieher wurden dankend angenommen und da ein Großteil der so vermummten Wagnerianer nicht im Traum daran dachte, den Volksfestplatz in Bayreuth zu verlassen, entschied man sich gegen einen Abbruch. Trotz Überzieher und massenhaft dem anhaltenden Unwetter entgegengestellter Schirme (die kurz davor noch als Sonnenschirme Verwendung fanden!) wurde man klatschnass ... und das fast bis zum Ende des 2. Aktes! Es war ein Erlebnis der besonderen Art und jeder, der geblieben war, wird diesen Tag wohl niemals vergessen!
Pünktlich zur Pause vor dem dritten Akt hörten Ortruds Wetterkapriolen auf und nach diversen Aufräumarbeiten konnte man sich auf das Finale freuen - wobei einem das letzte "Weh!" dann in der Tat (und wie gewohnt) fast traurig stimmte. Der Gesamteindruck verdrängte die ambivalenten Gefühle aber vollständig, denn allein die Tatsache, dabeigewesen zu sein, erhellte die Gemüter der wohl sturm- und regenfestesten Wagner-Gemeinde des Planeten sichtlich.

Als zusätzliches Schmankerl trafen dann gegen 22.30 die Sängerinnnen und Sänger, nach dem umjubeltem Ende im Festspielhaus, live und ungeschminkt vor Ort ein, und stürmten die Bühne vor Europas größter LED-Wand (180 qm², 22x14m, 110t). Jetzt hielt es das Publikum endgültig nicht mehr auf den Sitzen und man begab sich applaudierend und jubelnd in Richtung Absperrung. Auch zur späten Stunde ließ es sich Wagners Ur-Enkelin Katharina Wagner nicht nehmen, die Akteure persönlich in Empfang zu nehmen.
Was bleibt, ist nun schon Erinnerung und die Erkenntnis, dass die Musikgeschichte am Abend des 14. August 2011 um ein weiteres und ganz entscheidendes Kapitel erweitert und bereichert wurde!

Thomas Lawall - August 2011
Fotos: © Thomas und Maria Lawall - www.querblatt.com

Querblatt-Fotogalerie

Bericht und Fotos auf Gerds Musicpage:
www.gerds-musicpage.de
www.gerds-musicpage.de/juwelen/wagner_richard.html

Video:
www.nordbayerischer-kurier.de/videos/0_2268_2522/details_81.htm

Fotos:
www.nordbayerischer-kurier.de/bildergalerie/13/0/1964/0/150039/bild_527.htm
www.nordbayerischer-kurier.de/bildergalerie/13/0/1963/0/galerieb_527.htm

Weitere Infos:
www.siemens.com/press/de/events/2011/corporate/2011-06-festspielnacht.php

 

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