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CD-Review

NIK JIRA - Meditations (2020)

Klaviervariationen




Der Rezensent arbeitet gerade daran, die bis zum Boden hängende Kinnlade wieder in die richtige Position zu bringen. Das ist insofern ungewöhnlich, da er sich zumeist erst in musikalischem Bombast so richtig wohl fühlt. Egal ob Pop, Rock, Metal oder Klassik, Hauptsache die Sinne werden bis zum Anschlag geflutet.

Mit "Meditations" von und mit Nik Jira ändert sich das auf wundersame Weise. Hörgewohnheiten werden wie von Zauberhand umgehend defragmentiert, und schon ist wieder Platz für neue Abenteuer. Von zarter Hand geführt, begibt man sich in eine scheinbar unberührte Klangwelt. Eine Parallelwelt, die einen in ihrer Klarheit und Weitsicht fast erschreckt.

Schon der erste Ton scheint die Zeit anzuhalten. Was groß und wichtig erscheint, ist plötzlich verschwunden. Null und nichtig. So als ob es einen neuen Anfang gibt. Die Sicht ist weitläufig und grenzenlos. Da ist nichts mehr von Belang, nur noch diese Musik, wie eine federleichte Entführung.

Es braucht in jener Welt, die noch nie betreten wurde, keinerlei festen Boden unter den Füßen. Man steht einfach da, ist einfach dort, ohne Bezug zu allem Gewöhnlichen und wie von allem Ballast befreit. Alle Wege sind neu, wie in einer verschneiten Ebene.

Man ahnt hier und da zwar dunkle Wolken am Horizont, doch letztlich spielen sie keine Rolle, sie stören die freie Interpretation von Klassik bis Jazz zu keiner Zeit. Nik Jira nähert sich den Stilrichtungen jedoch nur im weitesten Sinne, zugunsten einer sehr eigenwilligen, ganz persönlichen Sicht. Faszinierende Kontrapunkte gehören ebenso dazu wie vereinzelt eingefügte, auf der Goldwaage dosierte, schräge Töne, welche die grenzenlose Harmonie jedoch keinesfalls stören, sondern allenfalls das Besondere akzentuieren und unterstreichen.

Mit dieser meditativen Klavierstudie verhält es sich ähnlich wie mit der Abstraktion in der Kunst. Von überflüssigem Ballast befreit, nähert man sich dem Wesentlichen, selbst wenn diese Erkenntnis nur den Hauch einer Ahnung bedeuten mag. Das ist nicht alles, aber viel.

"Meditations" besteht aus vielen kleinen Wundern, beweist Größe durch Bescheidenheit, ist unaufdringlich und beweist trotz filigraner Struktur eine verlässliche Stärke. Träume einzufangen scheint jetzt möglich zu sein und auch das Fliegen ohne Flügel. Es möchte nicht bestaunt werden, doch genau das hat dieses Werk verdient!

Fazit: Ruhe im Sturm.

 

Bewertung: 12/12

Thomas Lawall - März 2021

 

 

 

Tracklist:

1. Waldnacht
2. Far Away
3. Awake
4. Bobo
5. Inside
6. Wurzelwerk
7. Soil
8. Time
9. Dawn

Line-up:

Nik Jira: Piano

 

 

 

 

 

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