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CD-Review

ANATHEMA "The Silent Enigma" (1995)


Irgendwas hat diese CD, was andere nicht haben. Das ist zwar grundsätzlich bei ALLEN Anathema-Scheiben so, und dennoch zieht mich eine geheimnisvolle Kraft immer wieder zu "The Silent Enigma" zurück. Ich hänge an diesem Album, wie der Hund an der Kette. Oder besser ausgedrückt, wie so ein Ping-Pong-Ball am Gummiband. Wenn ich mich zu weit entferne, reißt es mich mit Gewalt zurück!!!
Liegt es daran, dass Darren nicht mehr dabei war? Wohl kaum. Vielleicht weil dies meine erste Anathema-CD war? Letzteres könnte vielleicht der Schlüssel sein...

Auf Anathema kam ich nur durch reinen Zufall. Von Zeit zu Zeit bestelle ich CDs von Grüppchen. die ich nicht kenne, um meinen Horizont zu erweitern, oder um mich einfach mal überraschen zu lassen. Das gelingt nicht immer, aber schon beim ersten Ton von "The Silent Enigma" -ich erinnere mich, als wäre es erst gestern gewesen- blieb ich wie angewurzelt stehen und hörte einfach nur fasziniert zu. Schon das erste Stück "Restless Oblivion" hat meine Hörgewohnheiten für immer geändert! Das war eine Art musikalische Götterdämmerung!

Ich dachte nur "DAS IST ES, was Du so lange gesucht hast!" Als der erste Song zu Ende war, bin auch ich irgendwie am Ende gewesen, denn so etwas hatte ich noch nie gehört. Ich hatte aber nicht die geringste Chance, meine explodierten Gefühle wieder zu sortieren, denn der gewaltige Einsatz von "Shroud Of Frost" gab mir gleich die nächste Breitseite und völlig den Rest!!!

In meinem, aus heutiger Sicht, völlig überholten Judgement-Review schrieb ich 1999, "One Last Goodbye" und "Anyone, Anywhere" wären nicht nur die besten Songs von Anathema, sondern die besten Songs überhaupt. Nö, ich nehme das zurück, denn die nehmen "nur" Platz zwei und drei ein. Der beste ist für mich immer noch "Shroud Of Frost".

"Help me, to escape from this existence..." Oh Mann, wie oft dachte ich diese Zeilen schon! Damals, als ich von zu Hause weg wollte, als ich die Schule abgebrochen habe, als ich bei der Musterung war, als ich meinen ersten Job kündigte, als sich zwei gute Freunde das Leben nahmen, als die erste und die zweite Ehe zerbrachen - und wenn ich die Tagesschau sehe, und und...

Auch zum tausendsten Mal wird der Song nie langweilig. Er ist einfach so wunderbar aussichtslos! Denn den Hilferuf wird niemand hören. Und ein Entkommen ist ebenfalls nicht möglich! Einzig die aggressiven Gitarren bieten die Lösung: Fäuste ballen - Augen zu - und durch. Bis zum bitteren Ende.

So ist es dann auch bei allen weiteren Stücken. Die Wut der Musik siegt über die traurigen Texte. Gottseidank, so geht man am Ende gerade noch so als Sieger ins Ziel. Das funktioniert aber nur noch bei dieser CD. Wer die Abgründe und die Verwundbarkeit seiner Seele lieber im Keller unter Verschluss hält, sollte sich die nächsten drei Werke dann lieber nicht geben.
Anathema nehmen bei "Eternity", "Alternativ 4" und "Judgement" immer mehr den agressiven, musikalischen Gegenpol heraus. Keine Wut kann dann mehr über Angst, Verzweiflung und maßlose Trauer siegen. Da muss man ungebremst durch...

"The Silent Enigma" markiert für mich die Wende bzw. den Beginn einer der wohl außergewöhnlichsten Metamorphosen, die eine Band je durchschritten hat. Ich stelle mir diese CD als Mittelpunkt des dunklen Anathema-Universums vor. Mit den nächsten drei Alben hoben sie gemächlich ab, und vereinten die Melancholie von Text und Musik bis zur Perfektion und darüber hinaus. Die Alben davor führen hinab zur wirklich ganz dunklen Seite der Macht.

Ich weiß wirklich nicht, wie das weitergehen soll. Wie kann das nächste Album (und schon ein weiteres geplantes Album 2002) DAS noch steigern! Keine Ahnung.
Ich wage einen Blick in die Zukunft. Mit Judgement ist sicherlich eine Art Schlusspunkt erreicht. Hier geht es einfach nicht weiter. Es kann nur eine Lösung geben. Das nächste Album von Anathema wird den Stand der Dinge, einem Urknall ähnlich, wieder zum Einsturz bringen. Ich bin sehr gespannt, wie sie das anstellen werden. Wahrscheinlich werde ich wieder wie angewurzelt stehen bleiben und einfach nur zuhören...

OK, jetzt zieht das Gummiband aber wieder wie verrückt! Ich schnappe mir jetzt die Fernbedienung und drücke auf 2 (das arme Knöpfchen ist schon ganz abgenutzt...).


Thomas Lawall - Februar 2001 (Überarbeitet im November 2004)
 

 

Tracklist:

1. Restless Oblivion
2. Shroud Of Frost
3. ... Alone
4. Sunset Of The Age
5. Nocturnal Emission
6. Cerulean Twilight
7. The Silent Enigma
8. A Dying Wish
9. Black Orchid

Line-up:

Vincent Cavanagh: Vocals, Guitars
Duncan Patterson: Bass Guitar
Daniel Cavanagh: Guitars
John Douglas: Drums, Percussion

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