CD-Review

ANATHEMA "Eternity" (1996)


Ein gutes Jahr hat es gedauert, bis ich The Silent Enigma verdaut hatte und mein Konsum an Tempo- Taschentüchern normalisierte sich vorläufig wieder...

Eternity erschien im November 1996, diesmal ohne Veränderungen in der Besetzung. Zunächst irritierte mich das Cover. Das Digi-Pack in dunkelrot und der gestanzte Engel kam mir etwas schlicht vor - ich konnte zuerst nichts damit anfangen. Denn ich hatte einfach mehr erwartet. Aber welche Überraschung, als ich das Booklet im Pappschuber entdeckte - fast hätte ich es übersehen! Ja, da war sie wieder - die Gänsehaut!

Die nächste Überraschung bescherte mir dann mein CD-Spieler. Über 68 Min. Spielzeit wurden angezeigt. Ich dachte zuerst an einen Fehler - aber der dritte Longplayer von Anathema dauert tatsächlich eine "Ewigkeit".

Dann machte ich den nächsten Fehler. Wenn ich eine neue CD bekomme, keine Zeit zum Anhören habe und mich trotzdem die Neugier packt, dann spiele ich einige Titel einfach wahllos an, um vorab zu wissen, wohin der Karren fährt.
Na gut, das tat ich dann auch, aber es war sinnlos. Denn was ich hörte, ließ mich meinen Zeitplan total vergessen. Also begann ich von vorne - und war, für gut eine Stunde, der Welt entrückt.

Eternity ist wie aus einem Guss. Kein einziger Song stört das Konzept. Jeder einzelne fügt sich perfekt in die Gesamtheit ein. Es existiert ein ebenso unsichtbarer wie unerklärlicher Zusammenhang in diesem Album. Die Songs bilden zwar, jeder für sich, eine geschlossene Einheit. Fehlt jedoch nur ein einziges Glied in dieser Kette, stimmt der Gesamtzusammenhang nicht mehr. Das ist so, als nähme man die unterste Karte eines Kartenhauses heraus...

Anathema erzählen wieder die kleinen und großen Tragödien des Lebens. Es sind Kurzgeschichten und Momentaufnahmen, die wir alle kennen. Depressionen, unendliche Trauer und die Suche nach irgendwas.

Doch erstmals sind alle Geschichten auf geheimnisvolle Art miteinander verwoben.
Vielleicht schwebt über all der Melancholie doch eine Art von Lichtblick: Die Lust und die Leidenschaft am Leben! Ich glaube, dies mag das Konzept sein, was Eternity zusammenhält. Ein kleines Stück Ewigkeit...

Es macht bei dieser CD keinerlei Sinn, nur ein einziges Stück zu hören. Wer's trotzdem tut, erntet unweigerlich das Gefühl: Da fehlt doch was! Das mag auch der Grund sein, dass Anathema damals das Werk live in voller Länge spielten.

Dem aufmerksamen Hörer und diversen Schubladenaposteln ist es nicht entgangen, dass in Eternity nicht nur einiges nach Pink Floyd klingt, sondern sogar ein Stück gecovert wurde! Na gut, das ist eine Tatsache. Aber wer wird denn immer noch ernsthaft versuchen wollen, die beiden Gruppen in eine Schublade stecken zu wollen? Anathema werden wohl nie die Massenkompatibilität von Floyd erreichen! (Wobei ich mich nicht selten frage, ob ich das jetzt gut oder schlecht finden soll...)

Oder anders herum und bei allem Respekt: Pink Floyd werden niemals die zerbrechliche Komplexität von Anathema erreichen! Pink Floyd waren immer ein Gesamtkunstwerk. Ihr immerwährender Perfektionismus lies aber niemals den Einblick in die Seelen der Musiker zu. Aber genau das schaffen Anathema! Und mit jedem Album können sie das noch steigern.

Anathema bauen in Eternity erstmals eine sehr kompakte Klanggewalt auf. Aber diese göttlich erhabene Wucht hat andererseits nicht einmal die Stabilität eines Schmetterlingsflügels! Es gibt wohl keine einzige Gruppe, jedenfalls nicht auf diesem Planeten, die diesen Widerspruch auch nur annähernd glaubhaft umsetzen kann.

Anathema können ohne jede vordergründige Härte immer noch heavy sein! Klar, sie haben sich vom beinharten, grunzigen Doom-Death endgültig verabschiedet. Davon scheint nichts mehr übrig zu sein und dennoch schwebt das Damoklesschwert des Death unsichtbar über dem Filigran-Bombast. Wollte man - nur mal so rein theoretisch - das musikalische Konzept von Eternity in greifbare Architektur umsetzen wollen, so müsste man ein Hochhaus mit 200 Stockwerken aus Luftpostpapier bauen.

Anathema haben ihren Heimatplaneten, seit The Silent Enigma, mit unbekanntem Ziel verlassen. Ihr Raumschiff ist zum ersten Zwischenstop auf Eternity gelandet.
Genießen wir die Zeit bis zum Weiterflug...


Thomas Lawall - März 2001 (Überarbeitung im November 2004)
 

 

Tracklist:

01: Sentient
02: Angelica
03: The Beloved
04: Eternity Part 1
05: Eternity Part 2
06: Hope
07: Suicide Veil
08: Radiance
09: Far Away
10: Eternity Part 3
11: Cries on the wind
12. Ascension
13. Far away (Acoustic)
14. Eternity Part 3 (Acoustic)

Line-up:

Vincent Cavanagh: Vocals, Guitars
Daniel Cavanagh: Guitars
Duncan Patterson: Bass Guitar
John Douglas: Drums

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