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Literatur

vor den toren von tag & nacht
gedichte


von Günter Abramowski


116 Seiten
© 2014 Günter Abramowski
Rechte für diese Ausgabe:
elbaol verlag für printmedien, Hamburg
www.elbaol-verlag-hamburg.de
ISBN 978-3-939771-44-9



Gedichte wie "brechendes herz" erlauben keine Rezension nach dem (für mich) üblichen Strickmuster. Zu vielschichtig sind die Zeilen von Günter Abramowski, zu kantig und unübersichtlich, zumindest auf den ersten oberflächlichen Blick. Genau diesen lernt man zu vertiefen, wenn man erst einmal das System dieser verstörenden Kleinschreiberei durchdrungen hat.

Die Sehnsucht ist ihm "beim leben vergangen" und wenn der Dichter auch Platz hat für "dummheiten & unendlich traurige sentimentalitäten", muss er sich ernsthaft fragen: "glaub ich noch oder bin ich schon"! Tiefgründig-provokantes wird leicht überlesen. Entweder man tut es nach dem Motto -Augen zu und durch - oder lernt es wieder, das Verweilen und Innehalten.

Der Autor macht es einem nicht leicht, indem er den Zugang zu seinen Versen verschlüsselt, ähnlich unerreichbar wie eine Hinterglasmalerei aber auf einem gleichsam filigranen Bildträger. Oft fehlen ihm ja selbst die Worte und Formulierungen. Die Gegebenheiten und Muster genügen ihm keinesfalls, weshalb er schlicht neue erfindet wie "offen & bar" ("brechendes herz") oder "körperflass blast im zertrügen" ("ich winke mir zum abschied").

Dies alles ist nicht leicht (oder gar nicht) zu verstehen - im Vorgängerwerk "vom turm" (2012) verweigerte mir jenes Gebäude sogar jeden Zugang. Noch immer scheint mir da der Zutritt verboten zu sein, aber Aufgeben gilt nicht. Wege gibt es viele, vielleicht den des Humors? Hinterhältig kommt er und manchmal bitterböse: "wir lassen den glauben all den paulussen" ("rebellion des lichtes in der finsternis") oder die Zeilen, Kriegstreiberei betreffend und das, was manch ein Priester so treiben ("nichts neues") mag.

Anregend und sinnlich sind andere Wortschöpfungen, die schon eine Kunst für sich sind. Jene Passagen möchte man immer und immer wieder lesen, um die starken Bilder zu verinnerlichen und nie mehr herzugeben: "dein atem wob meinen Blick in unsere Müdigkeit" ("wir nicht allein") oder "entschlüsseln wir einander im entfalten" ("hallo partner danke schön").

Die Spiegelungen aus banalem Alltag und tiefster Innerlichkeit stehen für sich alleine. Ihresgleichen zu suchen ist zwecklos. Günter Abramowski hat eigene Wege angelegt. Diese Sprache und jenen Ausdruck, so holprig er manchmal auch ist, hat er selbst erfunden. Die Gedichte im vorliegenden Band sind seine ver-dichtete Sicht der tausend ungesehenen Dinge, die gerne achtlos übersehen oder weggeworfen werden, sein ganz persönliches Destillat aus Leben. Hochprozentig erschreckend oft, aber nicht selten herzerwärmend.

Einfach macht er es keinem Leser. Dies aber mit einer vorsätzlich unkonventionellen Absicht, die man statt verstehen nur erahnen mag. Das macht aber nichts, denn schließlich hat der Dichter "das herz auf der zunge" und sollte man ihn suchen, findet man ihn garantiert "vor den toren von tag & nacht".

Als Fazit bietet sich eine Andeutung von ungetrübter Sicht ("aufkommende klarheit") geradezu an:

"der morgenwind atem des jetzt
öffnet das herz

in diesem licht
siehst du alle leiden & wunder"

 

Thomas Lawall - Mai 2015

 

 

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