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Literatur

gar. aus.

von Michael Mehrgardt & Vera Anders


238 Seiten
© Sutton Verlag, 2010
www.suttonverlag.de
ISBN: 978-3-86680-609-2



Diese Kneipe ist nach meinem Geschmack. Die Lokalität "Drei Jungfrauen" glänzt durch eine durchaus ungewöhnliche Besetzung. Wie der Name bereits andeutet, wird die Kneipe in der Tat von drei Frauen geführt, wobei die Meinungen in Sachen der tatsächlichen Unberührtheit dieser Frauen bei ihrer Kundschaft recht weit auseinander gehen. Schon rein äußerlich stellt man(n) sich die klassische Jungfrau anders vor, und keine der drei kräftigen und dunkelhaarigen Frauen des "gehobenen Mittelalters" entspricht diesem Schema. Auch ihr ausgesprochen selbstbewusstes Auftreten gibt zu den unterschiedlichsten Interpretationen Anlass. Traute sich je ein Mann in ihre Nähe oder konnte keiner rechtzeitig die Flucht ergreifen?

Helga, eine der Barfrauen und Freundin von Ike Jensen, liest mit großem Interesse einen Brief.
Es ist der zweite, den die Kriminalkommissarin von einer ihr unbekannten Christiane innerhalb von zwei Tagen bekommen hatte. Ike zieht Helga ins Vertrauen. Bis vor kurzem hatte Ike noch hier gewohnt, doch nachdem sie in ihrem "riesigen und sozial unverträglichen Wohnsilo" von Jugendlichen belästigt wurde, die Wegezoll von ihr verlangten, ergriff sie die Flucht und zog um. Schon im ersten Brief wurde klar, dass die Unbekannte Ike sehr genau kennen muss. Sowohl ihre Vergangenheit scheint dieser Person bekannt zu sein, als auch ihre aktuellen Befindlichkeiten. Man müsse sich unbedingt gegenseitig helfen. Im zweiten Brief erzählt Christiane von ihrer Vergangenheit - insbesondere von den ärmlichen Verhältnissen, in denen sie offenbar aufwachsen musste. Unterschwellig schwingt in beiden Briefen ein außerordentlich beunruhigender Unterton mit ...

Nicht weniger beunruhigend ist der eigentliche Fall. Nach ihrem Umzug in die neue Wohnung am Lübecker ZOB kaum in der neuen Dienststelle angekommen, überschlagen sich die Ereignisse. Da ist nicht nur die Sache mit den Briefen und der ungemütlichen neuen Wohnung, da ist auch der neue Kollege Sven, der als braver Familienvater ein bis meistens zwei Augen auf die neue Kommissarin wirft. Zuflucht findet sie nicht einmal bei Freund Lars, den sie vor einem halben Jahr verlassen hat. Die Nacht des Wiedersehens wird heiß, doch Lars spürt eine seltsame Entrückheit. Ihre Körper spielen ein Spiel, doch er kommt nicht wirklich an sie heran. "Er liebte Ike, der er nur nahe sein konnte, wenn er ihrer Seele fernblieb." Mitten in das Wechselspiel von Unnahbarkeit und Sehnsucht bricht der Klingelton ihres Handys. Scheinbar die Rettung, zumindest aber ein Aufschub. Doch es sollte ganz anders kommen, und nichts ist mehr so, wie es vorher war. Ganz offenbar wird jemand am anderen Ende der Leitung zum Opfer eines Gewaltverbrechens. Es ist Freitagabend. Die Kollegen freuten sich auf ein geruhsames Wochenende. Vergeblich. Ike Jensen schlägt Alarm ...

Wenn ein Psychotherapeut einen Kriminalroman schreibt, darf man sich auf etwas gefasst machen. Und wenn Co-Autorin Vera Anders eine nicht unbedeutende "Nebenrolle" spielt, erst recht! Allein der Titel ist mehr als ungewöhnlich und in seiner Form wahrscheinlich ohne Beispiel. Fernab vom Gewöhnlichen sind auch die Charakterisierungen der Hauptpersonen sowie die kongenial gezeichneten Nebendarsteller. Von der Handlung darf man sich ebenfalls keine linear konstruierten Tunnelepisoden erwarten, die nach einem Mord - oder auch mehreren  - kerzengerade zum Täter führen. Verzweigte Wege führen ans Ziel und zwingen den Leser zu höchster Konzentration, was für einige ein Nachteil sein mag. Die Vielzahl der handelnden Personen erleichtern es dem geneigten Schnellleser ebenfalls nicht, doch auf der anderen Seite wird dem wahren Lesefreund eines schnell klar werden: Dies alles verlängert die Lesefreude ganz erheblich! Und nur darauf kommt es schließlich an.

Wer einen Krimi von der Stange möchte, greift ins Bestsellerregal. Oder schaut sich einen Thriller im Kino an. In beiden Fällen wird er bestens bedient werden. Wenn es aber etwas mehr sein darf, ist "gar.aus." die weitaus bessere Wahl. Wie gerne würde ich übrigens etwas über das Ende dieser "ausgekochten" Geschichte verraten. Mache ich aber nicht. Jedenfalls nichts Konkretes. Eins vielleicht: Das Ende ist anders ... so wie das ganze Buch überhaupt.

Wie ein Film mit Überlänge. Vielschichtig, komplex und unverschämt spannend.

 

Thomas Lawall - September 2011

 

 

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