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Literatur

ein glas leben
Gedichte


von Dinçer Güçyeter


72 Seiten
Erste Auflage September 2012
Veröffentlicht im Elif Verlag
www.elifverlag.de
ISBN 978-3-000-37891-1



Zeilen an einen Menschen, den es noch nicht gibt. Wie soll das gehen? Was soll man sagen, denken, fühlen, tun und lassen? Kann man spüren, was es noch nicht gibt? Kann eine Idee, eine Ahnung oder ein Wähnen formuliert und gelebt werden? Wo ist die Grenze zwischen Phantasie und purem Wunschtraum? Kann sogar das Unmögliche gedacht werden - kann ein nie entstandenes Leben gelebt haben? Es kann! Dinçer Güçyeter gibt Antworten in seinem Gedicht "mit dir träumen...".

Er wagt es nicht nur, sich dem Nichtgeborenen zu nähern, sondern er versetzt diesen Traum in eine parallele Realität, die ihm erlaubt, ein nicht existierendes Wesen als "Weggefährten" zu taufen. Einen Rosengarten kann er ihm nicht versprechen, auch den perfekten Vater nicht, der "heute in eigener Geschichte ertrinkt". Auch eine intakte Welt kann er nicht ankündigen und schon gar nicht bieten. Doch immerhin kann er versprechen, "Gedichte und Lieder" zu haben!

Und diese hat er reichlich in "ein glas leben" eingeschenkt, wobei sich dieser schlichte Buchtitel nach vollendeter Lektüre (obwohl ich mich frage, ob dieses Buch jemals "ausgelesen" werden kann!) wie eine charmante Untertreibung anfühlt. Leserinnen und Leser dürfen etwas mehr erwarten. Viel mehr. Eigentlich sogar alles.

Eine mehr als ungewohnte Perspektive kann man auch in "die verlorene" entdecken. Dem Vater geht es in diesen Versen an den Kragen. Das Leid der Mutter steht in hilflosem Gegensatz dazu, und jener, der die Geschichte erzählt, schreibt "Gedichte, um das Denken zu erwecken".

Roh, ungeschliffen und gnadenlos sind Gedichte wie "ausgleich", "wer nicht dem Leben lauscht ist noch nicht geboren oder längst verloren", leidenschaftlich kämpft er in "abgeschrieben" "für die Wiederbelebung des Lebens" und bleibt trotz starker Worte stets bescheiden "auch die Gedichte werden für mich die Reife nicht versprechen können".

So direkt und persönlich klingen Gedichte selten. Dinçer Güçyeter suchte stets die anderen Pfade, "verfolgte immer das Übersehene" ("ebene wege"). Kein intellektueller Wortakrobat ist er, der mit feingewiegten Zutaten undurchsichtige Verse schmiedet, keiner, der zwischen den Zeilen verstecken spielt, und niemand, der hungrige Seelen mit Fragezeichen füttert. Eher einer, der mit beiden Beinen mitten im Leben steht, jedoch hin- und hergerissen von den Gezeiten der Angst und der Lebenslust, aber auch gezeichnet von inneren Einsamkeiten und von Fluchten, die stets nirgendwohin führen.

Es bedeutet keine billige Leselust, diese Zeilen zu lesen, es bedarf eher einer wahren Lust, diese Zeilen zu verschlingen. Das Wagnis, sich ihnen bedingungslos auszuliefern, muss man allerdings schon eingehen, sonst rauscht die Sinnespracht womöglich unentdeckt vorüber.

Gesagt ist natürlich schon irgendwie alles, auch wenn Generationen von Dichtern immer wieder neue und andere Worte fanden. Wach sein ist Wahrheit und vielleicht eine Ahnung von Unendlichkeit. "Die Welt kennt keine Trauer ..." ("fünf tage"). Nichts wird am Ende bleiben, außer "hoffnung" vielleicht, denn "der Wind hat sein Wort gegeben".

Der Autor ist ein zerbrechliches Urgestein und versteht es mit einer unbändigen Wucht, seine Verse auf Luftpostpapier zu hämmern! Ein filigraner Haudegen. Er weiß auszuteilen, wie nur ein Sturmwind es kann. Er schwimmt durch eiskaltes Wasser und kann trotzdem lichterloh brennen.

Ein ruheloser Geist schreibt um sein Leben.

 

Thomas Lawall - Juni 2014

 

 

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