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Literatur

... bis die Tage
letzte Geschichten vom Wühltisch


von Detlef Guhl


210 Seiten
© 2019 by Detlef Guhl
Verlag: Detlef Guhl, Kaiserdamm 99, 14057 Berlin
mdguhl@t-online.de
ISBN 978-3-7502-4598-3



Manche Drohungen werden wahr. Leider. Detlef Guhls zehntes Buch soll tatsächlich sein letztes sein. Kurz vor einer Massenschlägerei in einer sehr bekannten Berliner Lokalität, konnte dies dem Rezensenten durch den Autor, welcher durch persönliche Anwesenheit glänzte, daselbst bestätigt werden.

Ob die spontan entstandene, handfeste Auseinandersetzung in ursächlichem Zusammenhang mit Guhls Ankündigung stand, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen, wohingegen sich böse Folgen, obgleich von noch nicht zu ermessendem Ausmaß, klar abzeichnen. Ein schwerer Schlag für die deutsche und internationale Literaturszene, eines aktiven Literaten beraubt zu werden, der wie kein anderer die Essenz des Lebens in Worte zu fassen imstande war.

Nun möchte man dem Autor unterstellen, im letzten Werk literarische Ausschussware feilzubieten, nachdem in der Literaturwerkstatt einmal kräftig durchgefegt und gewischt wurde. Resteverwertung und ein Schlussverkauf womöglich. Der letzte Mist vom Wühltisch sozusagen.

Derart bescheidene Erwartungen können aber auch ein Segen sein, denn es ist mitnichten so. Berlins führender Autor in Sachen Geschichten, die das Leben gerne schreiben würde, wenn es denn könnte, gibt noch einmal Gas. Ach was, Vollgas!    

"... bis die Tage" ist ein restlos verpointetes, urkomisches Lesebuch der Absonderlichkeiten, denen wir täglich begegnen, oder jenen, die wir selbst veranstalten. Letztere wären dann beispielsweise "Marotten". Der Herr Guhl nimmt sich da selbst nicht aus, hält uns aber, was seine Spezialität ist, gleichzeitig einen Spiegel vor die Nase.

Denn wer kennt das Problem nicht, man schaut einen Film und plötzlich schleichen sich recht störende Fragen ein: Ja wo habe ich den smarten Bankräuber oder die störrische Rechtsanwaltsgehilfin schon mal gesehen? Wie hießen die noch gleich und in welchem verdammten Film haben die letztens mitgespielt? War das nicht ...

Während sich Kollegen der schreibenden Zunft gerne mit den abgründigen Seiten unserer Existenz beschäftigen, bleibt der Autor dem diametralen Gegenteil treu. An jeder Ecke des Lebens lauert der Tod ... oder ein Witz. Dies zu erkennen und zu beschreiben gelingt ihm in seiner Eigenschaft als wandelndes Lexikon, unter Zuhilfenahme eines adäquaten Breitbandvokabulars, und dank seiner Fähigkeit, die Dinge auf den Punkt zu schreiben, wie keinem anderen. Da sitzt jede Pointe ...

... egal ob er Nachhilfestunden in Latein gibt, vom unentbehrlichen "Wischwisch" seiner Frau erzählt, den "Götz von Berlichingen" und "Wilhelm Tell" um moderne Floskeln bereichert, Märchen oder Krimiserien zerpflückt, sich mit der "sachlichen, wertneutralen Höflichkeit deutscher Verkäufer/innen" beschäftigt, oder selbst vor einer Begegnung mit dem Leibhaftigen nicht zurückschreckt.

Kleine Wunder vollbringt er, wenn seine Zeilen mitunter klingen, als hätte sie Heinz Erhardt erdacht. Auch Experimentelles fehlt nicht, wenn er es wagt, herkömmliche Strukturen der Lyrik zu durchbrechen. Zwei Mittel gegen "1amkeit" gefunden zu haben, kann er sich auf seine Fahnen schreiben. "3st" ist dieser Mann!

Detlef Guhl gibt vor, zwei Marotten zu haben. Sicherlich eine, wenn auch liebenswerte, Untertreibung. Wie dem auch sei, jene sind nur schwer abzulegen. Das Bücherschreiben ist ja auch so eine. Mit Tränchen der Hochachtung in den Augen gibt der Rezensent abschließend seiner ebenso nachhaltigen wie inständigen Hoffnung Ausdruck, der Autor möge nicht in der Lage sein, diese Marotte ablegen zu können.

Kein Buch mehr. Hahaha. Vielleicht ist es ja auch nur einer seiner zahlreichen Gags. In diesem Fall ja fast einer der üblen Sorte. "Himmelkreuzfixfetzen!" oder wie Mehmet, den ab sofort existenzielle Probleme quälen dürften, sagen würde: "Du schreibst nix mehr? Bistu plemplem?"

 

Thomas Lawall - Februar 2020

 

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