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Literatur

Zwischen zwei Wassern

von Andreas Neeser


176 Seiten
© Haymon Verlag, Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at
ISBN 978-3-7099-7132-1



Eine beiläufige Randnotiz in einer Tageszeitung reduziert die Tragödie auf einen schlichten Sachverhalt. Die kurze Meldung besagt, dass man die Suche nach einer dreiundvierzigjährigen niederländischen Staatsangehörigen, die auf der Pointe de Brezellec gestürzt und ins Meer gefallen ist, eingestellt hat. Drei Männer sitzen in einer Kneipe in Pors Théolen. Die namenlose Hauptfigur, der Maler Edouard und Jean, der Fischer. Jean philosophiert: "Das Meer macht keine Fehler".

Die Erwartung, seiner kurzen Abhandlung könnte noch etwas Tiefsinnigeres folgen, erweist sich als Irrtum. Der Mann ohne Namen, ein Geografielehrer, kommt jedes Jahr an die Atlantikküste Frankreichs. Vor einem Jahr hat der Lehrer seine Frau Véro ebenfalls ans Meer verlieren müssen. Er besucht dort seinen Freund Max, einen erfolglosen, aber glücklichen Bildhauer. Die beiden Männer können verschiedener nicht sein ...

Auf ihrem Muschelfelsen hatten sie Langoustines gegessen, Wein getrunken und sich geliebt. Das Unglück hatte niemand kommen sehen. Plötzlich war die Welle da. "Einen Gedanken, bevor die Welle kam, gibt es nicht." Véro wurde von der Welle ins Meer gerissen, ihr Mann erheblich verletzt. Gefunden hat sie niemand mehr. "Das Meer bei Penn ar Sont hatte den vollen Bauch eingezogen."

Der "zwischen zwei Wassern" treibende Lehrer versucht das Unbegreifliche zu rekonstruieren, zu begreifen und zu verarbeiten. Er lebt im Niemandsland verzweifelter Resignation und immer wieder aufkeimenden Schuldgefühlen. Er lebt den Tag nicht - er treibt ziellos herum. Andreas Neeser widmet allein dieser Problematik das gesamte Buch. Im Grunde geht es um einen Versuch von Trauer.

Was bei anderen Romanen allenfalls zwischen den Zeilen zu erahnen ist, schreibt und beschreibt Andres Neeser. Die Geschichte und die seiner Figuren haben sich einem größeren Zusammenhang unterzuordnen. Es sind die Momente, die zählen. Doch kaum sind sie da, sind sie schon wieder fort. Auf der Flucht.

Schon deshalb ist es ein Wunder, dass der Schweizer Autor scheinbar so mühelos in der Lage ist, jene Momente einzufangen. Wie ein Angler scheint er an der Küste zu sitzen, die Angel auszuwerfen, um nach Worten zu fischen. Er ist ein Fremder hier, und fern der Geborgenheit der Heimat hat er sich anderen Gesetzmäßigkeiten zu unterwerfen.

Feinfühlig und voller Vorsicht formuliert er das, was eigentlich unaussprechlich ist. Schon auf der ersten Seite gibt es diesen merkwürdigen Widerspruch (der vielleicht gar keiner ist). Er schiebt einen winzigen Vorhang beiseite und öffnet damit ein gigantisches Weltentheater. Der Himmel besteht aus einem "kompromisslosen Blau", während er steinige Wege zur Küste zurücklegt. Er kann nichts mit ihnen anfangen, sind sie doch alle "Splitter eines uralten, undenklichen Zusammenhangs".

Die Verzweiflung kommt in Erinnerungen regelmäßig zurück. Hilflos begreift ein Mensch jene Sekunde nicht, die sein ganzes Leben verändert hat. Klar bei Verstand ist er, weshalb Freund Max immer wieder eine Chance sieht, ihn auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Doch fern der destruktiven Macht des Konjunktivs macht es sich der Lehrer trotzdem nicht leicht: "Ich anerkenne die Macht der Realität, aber sie kotzt mich an. Ist mir das vorzuwerfen?"

Der Autor lässt die Wunden immer wieder aufreissen. So leicht ist Trauer nicht. Und wie soll man mit einem Verlust zurechtkommen, wenn man noch nicht einmal die Sekunde seiner Entstehung begriffen hat. "Eigentlich ist es gar nicht möglich, bei solchen Verhältnissen von einem Felsen gespült zu werden. Aber es geschieht." Die Bilder von Véro tauchen immer wieder auf. Ihr Mann sieht nur eine Möglichkeit sie alle wieder loszuwerden. Er gibt sie ihr zurück ...

Das Leben und seine unerwarteten Wege und Wendungen sind das Thema von Andreas Neeser. Er formuliert mit leichter Feder, was tiefe Trauer sein kann und die Wut darüber. Im nächsten Moment erwärmt er wieder das Herz. Aber nie gerät er aus den Spuren und verliert sich nicht in literarischen Spezialeffekten. Diese haben seine Sprache und auch das Leben nicht nötig.

 

Thomas Lawall - März 2014

 

 

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