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Literatur

Zurück im Zorn


von Christoph Heiden


348 Seiten
© 2020 Gmeiner-Verlag GmbH
www.gmeiner-verlag.de
ISBN 978-3-8392-2644-5



Hoppla, das fängt ja gut an. Nach der doppelseitigen Zeichnung einer Karte der Gemeinde "Gollwitz" folgt gleich die nächste Überraschung: Ein Personenverzeichnis! Löblich und praktisch zugleich, doch längst nicht üblich im Genre und anderswo.

Bei genauerer Durchsicht ergeben sich weitere Überraschungsmomente. Wie schon im Klappentext erwähnt, findet man auch hier den Namen des Täters. Es geht um Brandstiftung durch einen gewissen Martin Berger. Na gut, damit wäre ja alles geklärt. Opfer bekannt, Tatort bekannt, Täter bekannt. Fertig. Wozu also groß weiterlesen?

Doch wie das nun mal so ist, müssen neugierige Leser/innen, durch ungewöhnliche Vorzeichen zusätzlich in Unruhe versetzt, zumindest einmal kurz schauen, wie es nun anfängt oder weitergeht. Wie auch immer, bei einem kurzen Blick wird es nicht bleiben!

Es beginnt mit einer Rückblende. Seit der "Brandnacht" von 1995 ist in Gollwitz nichts mehr, wie es vorher war, obwohl sich das Unheil ankündigte. Zunächst waren es nur Stallungen und Heuschober, die einen Serientäter zum Feuerlegen inspirierten. In jener Nacht starben aber drei Menschen. Die zwölfjährige Anna Majakowski überlebte. Ihre Eltern und ihr Bruder jedoch nicht.

Nach 20 Jahren, inzwischen in Berlin lebend, kehrt sie in die Heimatgemeinde zurück. Aufgrund anonymer Drohbriefe sieht sie noch im Dorf lebende Familienmitglieder in großer Gefahr, wobei sie noch gar nicht weiß, dass der vermeintlich geheilte Täter entlassen und zurückkehren wird ...

Christoph Heiden deckt in seiner Geschichte archaische Strukturen einer Dorfgemeinschaft auf und entwirft damit das schaurige Szenario eines völlig maroden gesellschaftlichen Abstellgleises. Dem gegenüber steht seine unkonventionelle Art des Ausdrucks, der mal flapsig und mal unverschämt direkt funktioniert.

Eine breit gefächerte Auswahl an wohlsortierten Schimpfwortkreationen beflügelt das Leseerlebnis ebenso wie seine, teilweise recht lustige, Metaphorik, egal, ob es sich um so etwas wie eine Vorbildfunktion dreht, die an den Fersen "wie Hühnerkacke klebt", oder einen Löschzug der Feuerwehr, der wie ein von Kobolden mit "überdimensionalen Helmen" besetzter "Karnevalsumzug" aussieht.

Allein seine tragische Figur des Willy Urban, jenem pflichtbewussten Polizisten im Ruhestand, der sich im ständigen Dialog mit seiner verstorbenen Ehefrau Eva befindet, und der seine gescheiterte Existenz durch die Aufklärung noch ungeklärter Umstände in jener verheerenden Brandnacht erhellen möchte, macht diesen Thriller lesenswert ...

... obwohl er nicht unbedingt ein solcher ist. Eher eine Familientragödie und die Beleuchtung gesellschaftlicher Abgründe und dunkler Geheimnisse. Die eigentümliche Sprachdynamik garantiert gleichbleibende Spannung, verlangt aber auch, sich auf ein katastrophales Ende einzustellen. Man könnte zunächst glauben, dass der Autor gleich mehrere Dinge vergessen hat, bis einem dämmert, welche Absichten er damit verfolgt!

Abstoßend und unterhaltsam zugleich. Großes Theater in kleinem Dorf.

 

Thomas Lawall - Mai 2020

 

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