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Literatur

Wüste der Toten

von Urban Waite


352 Seiten
© 2013 by Urban Waite
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2014 Knaur Taschenbuch
www.knaur.de
ISBN 978-3-426-50777-3



Memos Neffe heißt Jim Sanchez. Er ist die Zukunft der Organisation. Schon deshalb kann Memo nicht riskieren, dass ihm etwas zustößt. Jim ist unerfahren, und er bewundert Ray Lamar, der einst der beste Mann der Truppe war. Memo kann Ray überreden, einen letzten Auftrag für ihn zu erledigen. Gemeinsam mit Jim. Einen besseren Lehrer und Aufpasser gäbe es für ihn nicht.

Der Job sei nur ein simples Gespräch, doch Ray ist lange genug im Geschäft um zu wissen, dass mehr dahintersteckt. Er und Jim sind in einem gestohlenen Bronco unterwegs, der mit einer behelfsmäßigen Blinklichtanlage und einem Suchscheinwerfer ausgestattet wurde. Zumindest nachts könnte man mit so einem Umbau bei den avisierten Zielpersonen leicht den Eindruck erwecken, von einem Cop angehalten zu werden.

Der Wagen würde mit Sicherheit auftauchen, denn der Fahrer käme hier regelmäßig vorbei, um Drogen von der mexikanischen Grenze aus nach Norden zu transportieren. Jim erzählt weiter, dass der Mann für das Kartell arbeiten würde. Die Zeiten hätten sich geändert. Sie würden sich alles unter den Nagel reißen und das eigene Gebiet wäre nur noch halb so groß.

Rays Aufgabe ist es, den Wagen anzuhalten, um eine Fahrzeugkontrolle vorzutäuschen. Bei dieser Gelegenheit würde er dann die Drogenladung in der Sitzbank finden und der Fall wäre erledigt. Angeblich ein Kinderspiel. Bis es Ray dämmert, dass es sich um nichts anderes als einen Raubüberfall handelt, ist es zu spät. Der Wagen taucht auf und mit ihm Komplikationen. Es sitzen zwei Männer in dem Pick-up und einen von ihnen kennt Ray schon sehr lange ...

Urban Waite entwirft in seinem zweiten Roman ein düsteres Spiel um Macht, Gewalt und Drogen, angesiedelt in der Wüste von New Mexico. Einst hatte Ray auf den Ölfeldern seines Vaters gearbeitet, "bis sein Herz weh tat und seine Lunge flüssige Hitze durch seine Adern pumpte." Seine Figuren skizziert er nicht schemenhaft oder beiläufig, sondern malt sie mit breitem Pinsel und aller Kraft aus, wobei er dem Universum zwischen grauen und schwarzen Farbtönen den Vorzug gibt.

Strahlende Helden, smarte Killer oder glattgebügelte Transporter gaukelt uns der Autor nicht vor. Vielmehr sind es Menschen, die sich, meist aus einer Not heraus, auf die dunkle Seite des Lebens begeben haben und aus diesem Sumpf nicht mehr herauskommen. Auch Ray musste bitter bezahlen. Seine Frau kam bei einem "Unfall" ums Leben und sein inzwischen 12jähriges Kind, das beim Großvater aufwächst, ist seit jenem Tag taubstumm.

Die Ausdruckskraft des Autors ist überwältigend und von einer beispiellosen Bildhaftigkeit. Er beschreibt jede auch nur winzigste Kleinigkeit, selbst wenn es nur ein Windhauch, ein Geruch oder eine Musik ist, so wie beispielsweise "das dünne Rinnsal eines spanischen Musiksenders". Gnadenlos schildert er sowohl das abgründige Seelenleben seiner Figuren, die eine Vergangenheit haben, "verkeilt wie ein Haufen entgleister Güterwagons", als auch die letzten Worte eines Sterbenden.

"Wüste der Toten" ist mehr als ein Thriller. Eher ein subtiles Psychogramm gescheiterter Existenzen, die es unaufhaltsam ins Unglück und von einer Katastrophe in die andere treibt, allen voran Ray Lamar. Fast könnte man Sympathien für ihn entwickeln, doch seine Zerrissenheit kann den von ihm beschriebenen Weg letztlich nicht rechtfertigen. Einen düsteren Thriller aber allemal.

Urban Waite lässt die individuellen Dramen seiner Figuren ungewöhnlich lange nachwirken. Er schreibt neu und anders und entwickelt eine zwiespältig-lichtlose Choreografie der Eskalation. Genauso neu und schonungslos könnte man sich auch eine Filmumsetzung vorstellen.

 

Thomas Lawall - April 2014

 

 

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