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Literatur

Wie wir gehen


von Andreas Neeser


216 Seiten
© Haymon Verlag, Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at
ISBN 978-3-7099-3485-2



Gelegentlich wird geschrieben, was Andreas Neeser nicht schreibt. Also jenes, was er gerne zwischen den Zeilen versteckt, und Leserinnen und Leser immer wieder zu aufregenden Entdeckungsreisen veranlasst. Jene literarische Schatzsuche scheint in "Wie wir gehen" zu entfallen, da er sich mit Unausgesprochenem nunmehr sehr konkret beschäftigt.

Wo wird am meisten geschwiegen, verschwiegen und um den heißen Brei herumgeredet? Jede/r weiß es: In der Familie. Natürlich nur in den anderen Familien, denn in den eigenen vier Wänden ist die Welt ja in Ordnung.

Monika "Mona" will aus diesem System des eingefahrenen Nebeneinanderherlebens ausbrechen. Startschuss ist die Erkenntnis, dass sie von Kindheit und Jugend ihres Vaters so gut wie nichts weiß. Jenen Ursachen, die ihn so werden ließen, wie er sich seit eh und je zeigt. Inwieweit liegen Ursache und Wirkung beieinander? Hat das eine mit dem anderen überhaupt etwas zu tun?

Und wie funktioniert das mit Nähe und Liebe im engsten Familienkreis? Muss man alles akzeptieren, nur weil der Vater eben der Vater und die Tochter eben die Tochter ist? Liebe als Programm, verkleidet in immer die gleichen Abläufe, oder ist eben doch alles irgendwie "vermurkst", erfunden aus einer "kruden Mischung aus Fürsorge, Bevormundung, Vereinnahmung und schlechtem Gewissen"?

Genau dies lehnt Monas Tochter Noëlle kategorisch ab und hält ihrer Mutter somit den Spiegel direkt vor die Nase. Probleme hat sie damit dennoch genug, zumal sie sich vom lebenden Vater, dem "Samenspender", mehr und mehr entfernt, der sich nach einem Überfall auf seine Goldschmiedewerkstatt in Fremdenhass verliert. Die Tat der vier jungen Männer aus dem Kosovo verallgemeinert und verwandelt er nach brauner Manier.

Auch hier wird die familiäre Beziehung auf harte Proben gestellt, zudem muss Noëlle den freiwilligen Einsatz ihrer Mutter in einer Beratungsstelle des Migrationsamtes lernen, richtig einzuordnen. Salim, ein syrischer Flüchtling, ist in der "geliehenen Heimat" angekommen, aber trotzdem weiterhin auf der Flucht in jener "provisorischen Existenz".

Vier Generationen umfasst dieses grandiose Familienbild und Sittengemälde. Andreas Neeser skizziert Lebensentwürfe, die zeitlich und in einer klar definierten Reihenfolge dicht beieinander liegen, und doch so furchtbar weit auseinander. Literatur kann auch hier, was dem realen Leben nicht gelingen mag. Einen konkreten Ort beschreibt er nicht, was auch gar nicht notwendig ist. Jene Strukturen sind an keinen geografischen Ort gebunden.

Bis in die kleinste Einheit einer Familie scheint immer das gleiche Prinzip der Sprachlosigkeit zu wuchern. Gesprochen wird mitunter viel - gesagt eher weniger. Noëlle, die jüngste in der Runde, bricht in einer ebenso frischen wie knallharten Vehemenz aus dem gegebenen Rahmen, durchschaut generationenübergreifende Verhaltensmuster mit analytischer Brillanz und tut somit genau das, was ihr Großvater, der "Verdingbub" Johannes, niemals hätte wagen dürfen, geschweige denn dessen Vater Gottlieb. 

In einer klaren Rezeptur, wie wir denn nun gehen sollten, verliert sich der Autor nicht und betritt in diesem Fall wieder die von ihm gewohnte Bühne der offenen Türen. "Wie wir gehen" bleibt also allein unsere Entscheidung. Möglichkeiten haben wir heute mehr denn jemals zuvor. Und so verwundert es nicht, wenn Andreas Neeser das Ende, nachdem Mona die "Geologie überlistet" hat, entsprechend ambivalent gestaltet.

 

Thomas Lawall - Mai 2020

 

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