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Literatur

Wenn der Jasmin auswandert
Die Geschichte meiner Flucht


von Jad Turjman


256 Seiten
© 2019 Residenz Verlag GmbH
2. Auflage
www.residenzverlag.at
ISBN 978-3-7017-3480-1



Der Einberufungsbefehl bringt das Fass zum Überlaufen. "Im selben Moment wird mir klar, dass hier alles für mich vorbei ist." Das Leben in Damaskus wird immer unerträglicher. Jan Turjman bezeichnet den Weg zu seiner Arbeit im Magistrat der Stadt als "Weg des Todes". Raketen schlagen hier besonders oft ein.

Es ist ein Krieg, der den Großteil der syrischen Bevölkerung nicht interessiert. Sie weigern sich, daran teilzunehmen, da weder die korrupte Regierung noch die gegnerischen Gruppierungen sich dem Sehnen des Volkes nach einem "friedlichen, freien und demokratischen Land" verpflichtet sehen.

Man soll es sich wie eine Art "Schneeballschlacht" vorstellen, "wo jeder jeden bewirft". Jads Mutter bringt es auf den Punkt, indem sie die ganze Aktion als "Circus HalliGalli" bezeichnet. Ihren Kindern riet sie stets, sich nicht an den Aufständen gegen die Regierung zu beteiligen. Um die großen Ziele würde es sowieso nicht mehr gehen. Eher um die stillen Beobachter, also jene Länder, "die heimlich Öl ins Feuer gießen".

Jad will sich auf keinen Fall auf dem Schachbrett der Mächte verheizen lassen und somit bleibt ihm nur die Flucht. Diese muss jedoch innerhalb von nur zwei Tagen erfolgen, denn als Beamter benötigt er eine offizielle Erlaubnis zur Ausreise. Folglich ist Eile geboten, bis sein Name an der Grenze bekannt sein würde. 25 Jahre seines Lebens muss er innerhalb kürzester Zeit aufgeben.

Noch weiß Jad Turjman nicht, wie ihm geschieht. Fast wähnt er sich träumend, "wo sich unzusammenhängende Szenen flüchtig aneinanderreihen". Zur existenziellen Problematik gesellt sich dann eine profane, aber nicht weniger dringliche. Nachbar Rami ist bereits geflüchtet. Sein Freund Fadi, ein Schlepper, möchte für seine Bemühungen, Jad nach Schweden zu bringen, mit 5000 Euro entlohnt werden ...

Was nun folgt ist eine abenteuerliche Odyssee, wie sie für in europäischen Verhältnissen Aufgewachsene nur sehr schwer oder gar nicht nachzuvollziehen ist. Wie auch, wenn es dem Autoren ähnlich geht, nur genau anders herum. Schon wenige Jahre nach seiner Flucht kann er sich kaum mehr vorstellen, wie er in seinem Heimatland und den dortigen Zuständen so lange existieren konnte!

Schritt für Schritt schildert der Autor seine Flucht, die ja erst einmal über die Grenze in den Libanon führt. Allein dies ist ein wahrhaftiger Hindernislauf, jedoch nicht im entferntesten damit zu vergleichen, was noch folgen sollte. Neben den ganzen bürokratischen Hürden gilt es auch, Berge falscher Erwartungen zu bezwingen. Im vermeintlichen Eldorado ist nicht jeder erfreut, wenn sich "Parasiten" nähern!

Ganz erstaunlich und ebenso sympathisch ist die Art und Weise, wie der Autor sein, mühelos auf viele andere übertragbares, Lebensdrama beschreibt. Er verzichtet vollständig auf ein Klagen oder gar ein Anklagen in bestimmte Richtungen. Selbst wenn er sich fragt, ob den Europäern bewusst ist, welches Geschenk sie erhalten haben, indem sie das Glück hatten, "auf diesem Kontinent geboren worden zu sein", geschieht das ohne die geringsten Anzeichen eines erhobenen Zeigefingers.

Viele Feuer lodern hoch, doch Jad Turjman gießt keinen Brandbeschleuniger in die Flammen. Statt dessen empfindet er Freude und Dankbarkeit. Vor allem für seine "Schutzengel", wie jene "nicht realen Menschen", die ihn in Mazedonien ein gutes Stück mitgenommen haben und im Stadtzentrum von Kumanovo absetzen. Sofort fahren sie weiter. "Wahrscheinlich zurück in den Himmel."

Jad Turjmans Reise über den Libanon, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich ist zu Ende. Sogar früher als ursprünglich gedacht. Der Jasmin blüht auch woanders.

 

Thomas Lawall - Januar 2020

 

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