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Wem sonst als Dir.
von Uta-Maria Heim
282 Seiten © 2026 - Gmeiner-Verlag GmbH www.gmeiner-verlag.de ISBN 978-3-8392-8175-8
Christian Schöller wurde zu einer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt. Angeblich soll er seine Mutter ermordet haben. Sie waren in der Küche und schälten Kartoffeln, als es zu einem Streit kam.
"Keine Heimtücke, kein Mord, sondern Totschlag."
"Richter K." hatte als junger Staatsanwalt damals auf schuldig plädiert, aber heute plagen ihn Gewissensbisse und heftige Zweifel. War die Schuld des Angeklagten wirklich zweifelsfrei bewiesen? Nur aufgrund von Indizien?
Aktuell verbringt dieser sein Leben, nach Verbüßung der Haftstrafe, in einer psychiatrischen Einrichtung, die einst in der NS-Zeit an den damals aufgetragenen Aufgaben, dem unmenschlichsten Grauen, maßgeblich beteiligt war. Dem Wahnsinn verfallen, lernen Leserinnen und Leser ihn in den verstörenden ersten Seiten des Romans kennen:
"Das Gedächtnis tut ganz sauber. Aber am Tatort gar, da geht noch mehr futsch. Ich denk, die ist nicht hin, die simuliert nur. Die macht Witz."
Was ist hier los? Hat der als "Muttersöhnchen" verrufene Gymnasiallehrer tatsächlich seine eigene Mutter getötet? Was ist mit den anderen mehr oder weniger beteiligten Personen los, die eine, wenn auch im weitesten Sinne, merkwürdige Gemeinsamkeit besitzen? Sie alle scheinen mit sich selbst und ihrem Platz in der Welt zu hadern. Warum?
Uta-Maria Heim hat in kunstvoller, für einen Kriminalroman völlig unüblicher, Sprache ein Szenario entworfen, welche weniger die Tat selbst, sondern die Menschen, die in welcher Form auch immer damit zu tun haben, in den Mittelpunkt stellt.
In konventionellen Kriminalromanen, insbesondere in jenen von der Stange, lernt man derlei Personen nicht kennen. In "Wem sonst als Dir" werden die Menschen nicht in ein zweidimensional gestaltetes Aufzählungsschema gepresst, sondern erwachen regelrecht zum Leben, und dies in teilweise beängstigenden Dimensionen.
Eines von vielen Beispielen ist Irene, die Tochter der ermordeten Wilhelmine Schöller, die sich im "antiimperialistischem Kampf" rettungslos verheddert hat.
"Es gibt uns nicht. Wir sind ein Konstrukt. Ich dürfte so, wie ich mich fühle, nicht sein."
Seltsam auch Klara, "eine Art Wochenendbeziehung" des Richters, welche einst ein Gutachten zu Christian Schöllers ebenso wirrem wie unvollendetem Buchprojekt über Hölderlin dem Gericht vorlegte. Sie selbst brach ihre Hölderlin-Studien ab, und arbeitet als Germanistin nun in einer Bäckereifiliale...
… oder "K.", der Richter, der mit seinem Gewissen kämpft. Auch seine Charakterisierung sucht seinesgleichen, welche sich alle Zeit der Welt nimmt. So wie er es, der Literatur verfallen, "der Leser schlechthin", seit eh und je tut.
Viel Zeit also für wichtige Fragen und Antworten, welche aber umgehend hinterfragt werden und sich wieder auf der Waagschale sämtlicher Alternativen und Eventualitäten ausbreiten.
"Wenn nur das Ich nicht wäre. Das macht einem wirklich Kummer."
Fast scheinen also Menschen, ihre Beweggründe, ihr Leben, wichtiger als der Fall selbst zu sein. Wie sie sich selbst im Rahmen ihrer Möglichkeiten und den Kulissen aus Erziehung, Gesellschaft und Politik, an vergeistigten Befindlichkeiten und deren Ausdruck, fast etwas überladen, definieren.
Trotz alledem aber bleibt das profane Verbrechen und das Wähnen nach Aufklärung. In diesem Fall ein recht schwieriges Unterfangen...
Ein Kriminalroman mit Wucht. Randvoll gefüllt mit diffusem inneren Zorn, und sprachlich ein Konzentrat. Pechschwarze Wolken brauen sich zusammen. Nicht nur über Hölderlins Tübingen.
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