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Literatur

Weggehen
Über meinen Ausstieg aus der Gesellschaft


von Heidi Prohl


94 Seiten
Texte © Copyright by Heidi Prohl
Saint Paul, Frankreich
neobooks.com
www.neobooks.com
ISBN 978-3-7380-0392-5



Es gibt sie noch, die Gänsehautbücher. Bücher, die aufwühlen, in Unruhe versetzen und erschrecken. Bücher, die sich wehren, ganz laut schreien, aber auch neue Horizonte eröffnen. "Weggehen" ist eines davon. Auch wenn es, den Titel betreffend, zunächst völlig falsche Erwartungen weckt und somit auf falsche Fährten führt. Da der aufmerksame Lebens-Betrachter aber weiß, dass sich vieles erst nach dem Abwurf falscher Erwartungen ergibt, ist man mit seinen Irrtümern mehr oder weniger vertraut, und umso größer ist die Freude, wenn man neue Wege entdeckt.

Doch die Freude währt insofern nicht unbedingt lange, als bereits zu Beginn beunruhigende Widersprüche auftauchen. Heidi Prohl deutet einerseits Probleme im Elternhaus an "überall war es besser", erzählt aber andererseits von einer "weitgehend unbeschwerten Jugendzeit". Dunkle Ahnungen nehmen Gestalt an, die sich vorerst aber noch verflüchtigen können. Doch eines scheint klar zu sein: Es handelt sich keineswegs um einen Aussteigerbericht der herkömmlichen Art incl. Wald-, Wiesen- und Gemüseromantik.

Es muss mehr dahinterstecken. Doch zunächst fängt es, für Leserinnen und Leser, vergleichsweise harmlos an. Nach dem Fall der Mauer betritt die Autorin das vermeintliche Schlaraffenland. Ihre Träume verwirklichten sich aber genauso schnell, wie Seifenblasen platzen. Das "kleine irdische Paradies" kam ihr in seinen Möglichkeiten und Ausstattung wie ein "alternatives Meer" vor. Sie suchte "das Leben selbst" und vermutete es in der freien Natur, nach John Seymours Vorbild.

Das Leben auf einem Hof im Havelland erwies sich als Sackgasse und die Notlösung Plattenbau in Marzahn erst recht. Bis zu jener Zeitungsannonce. Das angebotene Grundstück in den Pyrenäen löste erdrutschartige Veränderungen im Leben der Autorin aus. Das lange gesuchte Ziel hatte sich plötzlich in ein reales Bild verwandelt. Man packte Kind und Kegel ein, fuhr quer durch Europa, um den Kauf des Grundstücks perfekt zu machen und wieder zurück, um endgültig die Koffer zu packen.

Fortan begann das Leben in einem Caravan und setzte sich später in einer selbstgezimmerten Hütte fort. Private Probleme blieben nicht aus, doch Heidi Prohl nahm jede Herausforderung an. So wie sie es immer tat. Fast sieben Jahre lebte sie dort mit ihrem Sohn. Der damit verbundene kreative Prozess machte sie glücklich - "ein Beweis meiner Unabhängigkeit und Stärke". Fast wäre ein Zustand erreicht worden, in welchem man "niemanden und nichts mehr zu fürchten" bräuchte ...

Manchmal scheint das Leben nur aus Irrtümern zu bestehen. Natürlich auch für Leser/innen, denn wer geglaubt hat, dass die einzigen Probleme der Aussteigerin in der weiteren Zukunft liegen, wird es wie einen Fausthieb treffen. Plötzlich und (fast) ohne Vorwarnung dreht sie das Rad der Geschichte zurück. Wir befinden uns in dunklen Kindertagen und die Bilder stürzen ins Bodenlose ab, als da von zwei maßgeblichen Personen die Rede ist: "Der große schwarze Mann hieß Vater und seine Frau hieß Mutter ...

Sollte man sich bis zu jenem Punkt mit der einen oder anderen weltanschaulichen oder gesellschaftspolitischen Formulierung der Autorin, welche mitunter auch vor einem erhobenen Zeigefinger nicht halt macht, wenig anfreunden können, wirft ein solcher Schlag dann ein ganz anderes Licht auf diese ganz persönliche Lebensgeschichte. Insbesondere wenn von "Erlösung" gesprochen wird.

Die sehr offene Herangehensweise der Autorin dürfte nicht jedermanns Sache sein. Zu viele Kratzer könnte das eigene System dabei abbekommen. Das Erkennen der eigenen, inneren Zusammenhänge ist unbequem. Ein Ausbruch aus dem System undenkbar, weil viel zu riskant. Andererseits ist die Vorstellung illusorisch, jeder könne sich "an fast allen Orten der Welt selber ein (einfaches) Haus bauen".

Neben aller alternativer Systemkritik, die jeder für sich selbst definieren darf, faszinieren mich eher die "Kleinigkeiten", lyrische Momentaufnahmen wie jener Augenblick am Feuer: "Es wird warm mir zur Seite." Oder eine innere Einkehr am frühen Morgen, in der sich das unbeschriebene Blatt der Zukunft offenbart, "Inneres nach außen drängt und Wandlung erfolgt".

So wie dieses ganze Buch eine Wandlung beschreibt. In der Einsamkeit wurde die Autorin auf sich selbst zurückgeworfen. Viel Ballast kann man auf diese Art abwerfen und begraben, doch dafür kommt lange Verdrängtes wieder an die Oberfläche. Das tut weh und für den Moment hilft gar nichts mehr. Nichts, außer Zeit, und die gnadenlose Beschäftigung mit sich selbst.

Und eine (weitere) Erkenntnis. Jene Hütte hat Heidi Prohl schließlich als Geburtshöhle begriffen. Ein zweiter Lebensversuch konnte beginnen. Ein nachhaltiges Fundament, von ihr selbst geschaffen:

"Das Beste, was ich jemals tat."

 

Thomas Lawall - Februar 2015

 

 

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