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Literatur

Tränennacht

von Karen Rose


736 Seiten
© 2019 by Karen Rose Books, Inc.
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe Knaur Verlag
www.knaur.de
ISBN 978-3-426-22734-3



Daisy löst ihre Faust und sieht sich ihre "Beute" etwas genauer an. Das herzförmige Medaillon ist aus Silber und mit einer Gravur versehen. Von einem Fremden wurde sie überfallen und in eine Seitengasse gezogen. In einem Kampf auf Leben und Tod gewann sie die Oberhand, doch wem sie da entkommen ist, wird sich noch herausstellen. Dies gilt allerdings auch für den Täter, denn er ahnt nicht, mit wem er sich hier angelegt hat. 

Das ihm entrissene Medaillon wird ebenfalls an Bedeutung gewinnen, was das Leben des FBI-Agenten Gideon Reynolds augenblicklich auf den Kopf stellt. Jene Gravur entspricht, ein winziges Detail ausgenommen, genau jener Tätowierung, die er einst nicht ganz freiwillig erhalten hatte. Nun gilt es, die Zusammenhänge aufzuklären, was sich alles andere als einfach gestaltet. Fans des Genres werden froh darüber sein, denn es garantiert kein allzu schnelles Ende der Geschichte, auf die man sich gerne, jedoch mit zunehmender Gänsehautentwicklung, einlassen möchte...

So wie es aussieht, ist das nun der 23. Roman der US-amerikanischen Thriller-Autorin. Für den Rezensenten ist es das erste Buch von Karen Rose, weshalb ihm gewisse Erfahrungswerte fehlen, die verschiedene Kollegen in geballter Form zum Vortrage bringen. Die Bücher sollen alle nach ähnlichem Schema gestrickt sein. Die Zutaten für die sich stets ähnelnden Geschichten sollen jeweils auch noch aus der gleichen Mottenkiste stammen.

Das mag schon sein, weshalb man Karen Rose aber noch lange nicht Einfallslosigkeit zum Vorwurf machen kann. Es gibt Kriminalromane und Thriller, die wesentlich schwächer konstruiert sind und nur durch ihre Story funktionieren. Selbst die Hauptpersonen besitzen blasse Charaktere, im schlimmsten Fall gar keine. Aber genau dies stellt sich in "Tränennacht" völlig anders dar.

Nicht nur das führende Duo Daisy Dawson und Gideon Reynolds haben ein Gesicht, das man sich leinwandgroß vorstellen kann, sondern auch vermeintliche Neben- und Randfiguren. Diese bleiben ebenfalls nicht gesichtslos, sondern haben jeweils ihre ganz persönliche Geschichte. Auch für die Charakterisierung und Beweggründe des Mörders nimmt sich Karen Rose von Anfang an sehr viel Zeit. Lieblos heruntergeschrieben ist das nicht...

... jedenfalls bis das vermeintliche Opfer Daisy und FBI-Agent Reynolds eine Affäre beginnen. Nicht nur in oder nach gewissen Szenen, sondern auch und besonders im Gesamtzusammenhang, nervt das ganz gewaltig. Der im Kern hochspannende Thriller nimmt mit der Romanze, bei der auch Voyeur/innen ausführlichst auf ihre Kosten kommen, eine rasante Talfahrt auf. "Das Gesicht in ihrem Haar vergraben, folgte er seiner Lust." Eh klar.

Die eingangs spannungserzeugenden Perspektivenwechsel und die ausführlichen Lebensgeschichten der handelnden Personen verwandeln sich, mit tatkräftiger Unterstützung des schwülstigen Romantikteils, immer mehr in eine elend in die Länge gezogene Volumenpackung. Dennoch dürfte klar sein, dass "Tränennacht" von Fans des Genres als vielversprechender Auftakt zur "Sacramento-Reihe" definiert wird.

 

Thomas Lawall - Februar 2022

 

 

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