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Literatur

The Beatles: Get back (Deutsche Ausgabe)

von John Harris (Hrsg.)


240 Seiten
© der deutschen Übersetzung Droemer Verlag
© 2021 Apple Corps Limited
www.droemer.de
ISBN 978-3-426-27864-2



Noch nicht einmal 13 Jahre alt war der Rezensent, als "Let it be" veröffentlicht wurde. Das gleichnamige (zwölfte) Studioalbum war für ihn unbezahlbar, aber das spärliche Taschengeld reichte immerhin für den Erwerb der Single. Jetzt war nichts mehr wie es vorher war. Die Beatles waren für ihn nie ein Thema, fortan nur noch. Das Tragische daran war, dass die musikalische Morgendämmerung nicht lange währte, weil die Trennung der Beatles auf der Tagesordnung stand.

Ein Schock. Wie konnte das sein, dachte der verwirrte Junge. Man hat nach anfänglichen Fehlgriffen in die deutsche Schlagerszene der 60er Jahre endlich "seine Band" gefunden und befand sich im siebten Himmel. Der Begeisterung folgte jedoch ein jäher Absturz, als die furchtbare Wahrheit Gestalt annahm. Immerhin reichte die Aufbruchstimmung aber, sich mit dem zu befassen, was musikalisch sonst noch so geboten wurde.

Der heranwachsende Junge ist nun ein ganzes Stück älter und hält nun diese großformatige Zeitmaschine in Händen, und weiß zunächst gar nicht, was er zuerst anschauen soll. Die späten 60er werden wieder lebendig und das, was alles war, ist plötzlich wieder da!

Peter Jackson schnitt aus altem Filmmaterial einen sechsstündigen Dokumentarfilm zusammen, der das Ende der Beatles in einem etwas anderen Licht erscheinen lässt, als der 1970 erschienene Film von Michael Lindsay-Hogg "Let it be". Aus 75 Stunden Filmmaterial kann man durchaus unterschiedliche Standpunkte und Stimmungen herausfiltern.

Die vom 2.-16. Januar 1969 in den Londoner Twickenham Film Studios entstandenen Aufnahmen zeigten neben unübersehbaren Meinungsverschiedenheiten auch und vor allem die kreative und ausgelassene Seite der Band. Die eher negative Ausrichtung des alten Films wurde somit relativiert. Auf eine Wertung der Ereignisse verzichtet Peter Jackson in seinem Vorwort gänzlich. Hanif Kureishi unterstreicht diese Neutralität in seinem Vorwort, schließlich seien in jener kurzen Zeit "einige ihrer besten Stücke entstanden".

Nachdem man sich entschlossen hatte, die weitere Arbeit am neuen Album im eigenen Studio fortzusetzen, besserte sich die Gesamtstimmung. Zusätzlichen frischen Wind in den Keller des Apple-Gebäudes brachte  Keyboarder Billy Preston. Weitere Liveauftritte blieben u. a. weiterhin ein strittiges Thema. Jedenfalls bis sich eine äußerst unkonventionelle Lösung anbot. Auch jene Entwicklung wurde dokumentiert.

Neben dem umfangreichen Filmmaterial entstanden auch 140 Stunden Tonaufnahmen. Dank der von John Harris zusammengestellten Transkripte haben den überwiegenden Teil des Buches die Beatles sozusagen "selbst" geschrieben. Nichts kann die Zeit besser beschreiben als die Gespräche im Original, auch wenn sie nicht selten die Grenzen der Banalität überschreiten, und im starken Kontrast zur Qualität der musikalischen Ausrichtung stehen.

Die eindrucksvollen Fotos von Ethan A. Russell und Linda McCartney setzen dem Ganzen dann die Krone auf. Eine Besonderheit sind jene Fotos mit den "abgerundeten Ecken", bei denen es sich um Standbilder des Filmmaterials handelt, welches komplett digital restauriert wurde. Wie auch immer, die eindrucksvollen Gänsehautfotos vermitteln eine mitunter schon fast beängstigende Nähe zu den vier Liverpooler Jungs und ihrem Gefolge.

Fazit: Schwergewichtiges Dokument der Musik- und Zeitgeschichte. Für Fans und Spurensucher gesellschaftlicher und musikgeschichtlicher Entwicklungen eine wahrhaftige Fundgrube, die zu einer wertvollen Zeitreise einlädt. Mehr Beatles in Buchform geht nicht!

 

Thomas Lawall - Dezember 2021

 

 

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