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Literatur

Taubenblut


von Lutz Kreutzer


462 Seiten
© 2020 Kampenwand Verlag
www.kampenwand-verlag.de
ISBN 978-3947738267



"Nix los in Bayern." Sperber, ehemaliger externer Berater im LKA München, telefoniert aus purer Langeweile mit Kriminaloberkommissarin Martha Kieninger, um sich nach einem Job zu erkundigen. Da es zur Zeit aber keine "exotischen Toten" gäbe, muss sie ihn abwimmeln. "Kein Toter, aber eine tote Stadt."

Wie ihm das auf den Geist geht. Wie soll er sein Leben noch länger ertragen, wenn er ausschließlich von netten Leuten umgeben ist. "Keine Gefahren, keine Abenteuer, keine Idioten."

Hört sich so an, als ob es sich hier um eine Art Krimi-Klamotte handelt, was jedoch eher nicht der Fall ist. Der eher trockene Erzählstil Kreutzers kommt in weiten Teilen relativ spröde aufs Papier, die Personen bleiben im Profil ziemlich blass, wenn da nicht weitere Elemente das Gesamtbild etwas aus dem Rahmen fallen lassen würden.

In jedem Fall hängt das Bild reichlich schräg, was "Taubenblut" dann wieder zu etwas Besonderem macht. Während der Autor zunächst sehr weit ausholt, um beispielsweise den jungen Sperber oder den Albanen Adnan Curri vorzustellen, denkt er mitnichten daran, die ausgetretenen Pfade des Genres zu bedienen oder gar zu betreten.

Weil? Ja, es passiert wenig. Eigentlich gar nix. Jedenfalls nichts, was man in einem Kriminalroman gefälligst erwarten würde. Keine Leiche, keine Ermittlungen, also tote Hose wie in München? Mehr als 100 Seiten muss man sich gedulden. Ein Viertel der Geschichte ist erzählt. Aber dann!

Der Tragödie voran gehen die skandalösen Entwicklungen auf der Fraueninsel im Chiemsee. Das von dem thailändischen "Guru" Nuh Poo Tubkim gekaufte Anwesen sowie das in Tuntenhausen (einer real existierenden Gemeinde im oberbayrischen Landkreis Rosenheim) betriebene Etablissement "Thailandeiland" (unter welchem Titel das Buch bereits 2015 schon einmal erschienen ist), gibt Anlass für Streit auf höchster Ebene, angeführt von Mitgliedern eines katholischen Herrenordens ...

Herrliche Auseinandersetzungen zum Thema Doppelmoral sind also angesagt. Weitere Eskalationsstufen in einer Mordsache ebenso und natürlich die Angelegenheit bezüglich des titelgebenden Materials, bestehend aus Aluminium und Sauerstoff. Rubine kosten mitunter mehr als Diamanten, wie man erfährt. 

Lustig wird es, wenn in der Werbeschrift für genannte Einrichtung ein absichtlicher Schreibfehler eingebaut wird, weniger lustig sind dann eine ganze Reihe realer, weshalb der Rezensent dem Lektorat, soweit vorhanden, einen schriftlichen Verweis erteilt. Glücklicherweise gehen solche Beschwerden dann im Wohlgefallen einer sich steigernden Situationskomik und einer ebensolchen Metaphorik (fast) unter. Allen voran eine existenzielle Meinungsverschiedenheit bezüglich der Definition einer Baumaschine, dicht gefolgt von jenem Herrn, der wie ein "Aktenordner" redet, sowie einer ganz und gar unüblichen Verfolgungsjagd!

Ärgerlich dennoch die Art und Weise, wie der Klappentext maßlos zu übertreiben wagt. Als "Psychogramm einer überdrehten Gesellschaft" taugt der Roman nicht und jener einen besonders kritischen Spiegel vorzuhalten gelingt nur in Spurenelementen. Das Prädikat "witzig" kann man aber gelten lassen. Das ebenso muntere wie unkonventionelle Treiben schillernder Persönlichkeiten vor beschaulich bodenständiger Kulisse verspricht immerhin einen soliden Unterhaltungswert.

Nix los in Bayern? Von wegen!

 

Thomas Lawall - Dezember 2020

 

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