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Literatur

TAREAN - Sohn des Fluchbringers

von Bernd Perplies


348 S.
Originalausgabe August 2008 bei LYX
©2008 bei EGMONT Verlagsgesellschaften mbH
1. Auflage
www.egmont-lyx.de
ISBN 978-3-8025-8180-9


Sicher gibt es Parallelen zu anderen Fantasy-Epen, was letztlich wenig wundert. Schließlich ähnelt auch jeder Kriminalroman im Prinzip oder wenigstens in Spurenelementen dem anderen. Jemand wird umgebracht und nun gilt es, den Mörder zu finden und zu überführen. Auch das Rad des Fantasy-Romans kann nicht völlig neu erfunden werden. Es geht nun mal um Zauberer, Ritter und andere schmucke Helden, die im ewigen Kampf gegen das Böse die Dinge wieder ins Gleichgewicht bringen. So auch in "Tarean - Sohn des Fluchbringers" (2008). Entscheidend ist, wie eine Geschichte erzählt wird - ob sie uns fesselt oder zum Einschlafen nötigt. Letzteres ist in diesem Fall völlig ausgeschlossen, um einen Teil meines Fazits vorwegzunehmen ...

Todmüde ins Bett gefallen, wollte ich mir noch eine knappe Stunde gönnen, um einen Einstieg zu finden und die "Reiche des Westens" näher kennenzulernen. Es sollten dann vier Stunden werden und irgendwo nach dem Übergang über den Drakenskal-Pass, dem einzigen Weg über das gewaltige Massiv der Zwölf Zinnen, muss ich wohl eingeschlafen sein, doch in meinen Träumen war ich noch bei Tarean, der sich in einer ausweglosen Situation zu befinden scheint. An eine Flucht ist nicht mehr zu denken. Im Haus von Karno angekommen, gibt es nur noch eine einzige Möglichkeit ...

Tarean ist unterwegs. Er ist zu allem bereit und entschlossen, und er will den Hexenmeister Calvas herausfordern und vernichten. Auf seiner langen Reise erhält er immer wieder Unterstützung von seltsamen Wesen mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten. Begleitet wird er von einer winzigen Frau namens Moosbeere - einem herzerwärmenden Irrlicht - , der geheimnisvollen Albin Auril und einem Berg von Mann, der auf den passenden Namen Bromm hört und der als "Werbär" über ganz außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt.

Noch in Thal unterwegs, ist es nicht mehr weit bis zu den Zwölf Zinnen, jener Gebirgskette, die wie eine "gewaltige, mehrere tausend Schritt hohe Wehrmauer einer Götterfestung" Thal von Astria trennt. Doch noch ist der Weg weit, beschwerlich und lebensbedrohend, denn den Grawls gelingt ein Überraschungsangriff. Diese ahnen jedoch nicht, dass Tarean eine tödliche Waffe mit sich führt: "Esdurial", die Klinge des weißen Drachenfeuers, geschmiedet vor tausend Jahren von Meisterschmieden im Auftrag des Kristalldrachenordens. Einst gehörte es seinem Vater, dem Ordensritter Anreon von Agialon, der vor 16 Jahren einer List des Hexenmeisters unterlag und sein Volk ins Verderben stürzte.

Gemeinsam mit Auril, Bromm und Moosbeere trotzen sie den "Wolflingen", die noch von der Macht des Schwertes geblendet sind. Doch dann kommt ein kalter Dunst und die Dunkelheit. Eine schlanke Gestalt wächst aus der Finsternis: Ein Dunkelgeist. Das Ende ist fast besiegelt, bis diese völlig überraschend auftauchenden Lichtkugeln dem Spuk ein Ende bereiten ...

Doch das ist nicht die einzige Herausforderung, die das ungewöhnliche Team um den "Sohn des Fluchbringers" bestehen muss. Zwei Tage sind sie schon in Astria unterwegs, doch die Verfolger geben nicht auf, und die falschen Wege, die Irrlicht Moosbeere weist, können die wütende Horde lediglich für kurze Zeit aufhalten. Schließlich überqueren auch sie die Zwölf Zinnen und in einer rasenden Verfolgungsjagd holen sie Tarean und seine Gefährten ein. Im Haus von Karno, einem alten Freund von Bromm und Auril, angekommen, erwarten sie den nächsten Angriff der Wolflinge. Die Lage ist jetzt noch weitaus aussichtsloser, doch Karno überreicht Tarean eine spezielle Waffe, die wie ein Ofenrohr aussieht, während er mit den anderen in Windeseile an einer recht unkonventionellen Fluchtmöglichkeit arbeitet ...

Ich sollte mir überlegen, ob ich überhaupt noch ins Kino gehen soll. Ist das nicht Zeitverschwendung? Hat ein Buch wie TAREAN - Sohn des Fluchbringers nicht weitaus mehr zu bieten? Sicher, eine Filmumsetzung kann man sich hier auch sehr gut vorstellen, aber was würde wieder alles fehlen? Würde die Geschichte nicht an allen Ecken und Enden beschnitten und gekürzt werden, damit sie in die Konservendose einer Hollywood-Produktion passen würde?

Wie oft schon haben wir einen Film vergessen. Auch viele Bücher haben sich in unserer Erinnerung aufgelöst. Das kann mit Tarean jedoch nicht passieren. Bernd Perpies schildert rasende "Action", vergisst aber die wunderschönen Bilder zwischen den Zeilen nicht. In einem längeren Zitat möchte ich einen einzigen Moment vorstellen, der mich (u.a.) sehr berührt hat. Tarean lernt "Moosbeere" kennen, die winzige Frau, die eigentlich keine Elfe, sondern ein Irrlicht ist. Er befreite sie aus einem Krug, in welchem sie wohl seit vielen Jahren gefangen war. Umgeben von einer schwachen Aura goldenen Lichts ist sie das bezaubendste Wesen, welches er jemals gesehen hat. In seiner Hand schlafend, regt sich das Wesen plötzlich, entfaltet seine Flügel, steht auf und öffnet die Augen:

"Tarean war, als stünde er auf einer hohen Klippe und tief unter ihm lagen zwei runde Seen, deren Wasser so blau war, dass das Blau des Himmels darüber verblasste, und so klar, dass man es bis hinab in die Tiefen ergründen konnte, bis zum Grund, der übersät war mit Perlen, glitzernd wie Sterne bei Nacht. Und er wünschte sich nichts sehnlicher, als von dieser Klippe zu springen und mit ausgebreiteten Armen in diese Seen hinabzustürzen, in sie einzutauchen und in ihnen zu versinken, in dieses verheißungsvoll glitzernde Dunkel."

Das ist es! Deswegen lesen wir! Wir leben dafür, uns solche Momente vorzustellen, um ab- und einfach wegzutauchen in eine Welt, die von einem Mitglied der sagenumwobenen Zunft der Schreiberlinge geschaffen wurde. Doch manchmal frage ich mich, ob diese Schöpfer vielleicht "nur" ausführende Organe sind, indem sie beschreiben, was es fern unserer Länder und unserer Zeit tatsächlich geben mag? Manche Autoren bringen dieses Kunststück wirklich fertig. Die perfekte Illusion ist keine solche mehr, denn die vermeintlichen Trugbilder unserer Phantasie werden real und begleiten uns auf einer anderen Ebene der Realität. Albernia, Breganorien, Thal und Astria sind nicht sterblich, und sie werden genau so lange existieren, wie wir es wollen. Bernd Perpies hilft uns dabei, denn niemand wird uns daran hindern, an unseren Träumen festzuhalten!

 

Thomas Lawall - Januar 2010

 

 

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