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Literatur

Tabu

von Casey Hill


400 Seiten
© 2011 by Rowohlt Verlag GmbH
www.rororo.de
www.caseyhillbooks.com
ISBN 978-3-499-25664-6



Der junge Beamte wollte helfen und es dabei besonders richtig machen. Er zückte einen Bleistift, hielt ihn Reilly Steel vor die Nase und formulierte stolz, dass sie diesen jetzt sicher brauchen würde. Weit gefehlt, denn die amerikanische Kriminaltechnikerin klärte Officer Fitzgerald erst einmal in aller Ruhe auf, nicht ohne zu bemerken, dass er wohl zu viel Fernsehkrimis sehen würde. Einen Bleistift zu benutzen, um eine Waffe aufzuheben, gäbe es tatsächlich nur im Fernsehen. In der Realität sieht dies ebenso anders wie völlig unerwartet aus, denn man darf die Waffe, wenn man sich auskennt, tatsächlich anfassen. Am Griff gibt es eine geriffelte Fläche, die keine Fingerabdrücke annimmt. Sicherer ist es auch - zudem werden bei der Bleistiftmethode Schießpulverreste und Schmutz aufgewirbelt, was wiederum die Riefen an den Kugeln verändert, die bei einem Test abgefeuert werden.

Die Detectives Pete Kennedy und Chris Delaney glaubten, sich verhört zu haben. Auf dem Weg zurück zum Schlafzimmer wurde ihnen der Weg durch einen Beamten versperrt. Er wurde angewiesen, niemanden mehr hinein zu lassen. Angewiesen wurde er von der "Neuen" aus dem Labor. Reilly Steel stand mitten im Zimmer. Die Augen geschlossen und mit ausgebreiteten Armen. Kennedy hat für dieses "Yoga-Gesinge" kein Verständnis, während eine junge Technikerin erklärt, dass ihre Chefin das immer so machen würde.

Reilly Steel kommt aus den vereinigten Staaten, wo sie in Kalifornien als erfolgreiche CSI-Spezialistin arbeitete. Ausgebildet wurde sie an der FBI Academy in Quantico und verfügt inzwischen über ein enormes Fachwissen und ebensolche Erfahrungen. Bekannt durch ihre unorthodoxen Methoden erreichte die Ermittlerin eine Aufklärungsrate von über 80 Prozent. Mit ihrem Vater, der in Irland geboren ist, kehrte sie nach Dublin zurück. Sie soll die jüngst eingerichtete GFU (Garda Forensic Unit) auf Vordermann bringen und der irische Police Commissioner ist davon überzeugt, das Reilly die kriminaltechnische Abteilung ins einundzwanzigste Jahrhundert führen wird ...

Die Meinung des Commissioners ist aber nicht unbedingt die der Kollegen. Die üblichen Spielchen beginnen ... doch zunächst gilt es, zwei Leichen in Dalkey zu untersuchen - beide erschossen - ein möglicher "Mitnahmesuizid". Schon im Vorfeld tun sich Rätsel auf, denn der eher exklusive Stadtteil ist nicht gerade für Schießereien bekannt und die Opfer recht jung. Beide liegen nackt auf dem Bett im Schlafzimmer und auf den ersten Blick scheint es, als ob die junge Frau schlafen würde. Das Einschussloch im Oberbauch rückt die Dinge aber schnell ins rechte Licht und der halbe Kopfinhalt ihres Liebhabers an ihrer Wange wirft die Ermittler umgehend in die grausame Realität zurück.

Schnell merkt Reilly Steel, im Gegensatz zu ihren Kollegen, dass hier etwas nicht stimmt. Sie ist sich allerdings sicher, nichts übersehen zu haben. Dennoch glaubt sie nicht an die Theorie, dass hier ein wie auch immer motivierter Täter seine Freundin erschossen und sich dann selbst das Leben genommen hat. Während sich für die Kollegen eine ermittlungstechnische Wand auftut, die nicht bezwungen werden kann, lenkt Reillys Intuition die Ermittlungen auf ein anderes Gleis.

Doch auch hier hat sie gegen heftigen Widerstand zu kämpfen, denn eine ganzheitliche Sichtweise scheint den Kollegen bisher unbekannt gewesen zu sein. Oft sind es Kleinigkeiten, die unsichbare Fäden zusammenbringen und damit verschiedene Ermittlungen plötzlich auf einen gemeinsamen Nenner bringen können. Und genau dies bahnt sich an. Während Reilly sich wiederholt die Tatortfotos anschaut und zu keinen neuen Erkenntnissen gelangt, macht eine Labortechnikerin eine Entdeckung. Am Tatort können eindeutig Tierhaare nachgewiesen werden, was im Prinzip nichts Besonderes ist. Doch bei einer Vergleichsprobe wird eindeutig festgestellt, dass jene Tierhaare auch an einem anderen Ort gefunden wurden. Es war ein vermeintlich klarer Fall von Selbstmord, und nun beginnt es in Reillys Kopf zu arbeiten ...

... und der Roman gewinnt an Fahrt, die im weiteren Verlauf immer rasanter wird. Das irische Autorenpaar Casey Hill hat mit "Tabu" ein ebenso unterhaltsames wie spannendes Krimi-Debut vorgelegt. Die Figur der amerikanischen Forensikerin irischen Ursprungs ist glaubwürdig gezeichnet, während die anderen handelnden Personen etwas in den Hintergrund treten müssen. Dies sollte in einer Fortsetzung etwas angepasst werden, denn das Dubliner Team um die aus den USA zurückgekehrte Reilly Steel ist zwar mit deren Ermittlungsmethoden nicht gerade vertraut, dennoch handelt es sich nicht um Anfänger. Die sind eher in den höheren Etagen zu finden, wo eine nicht unbeträchtliche Inkompetenz herrscht. Allein in diesen Strukturen hat das Autorenduo reichlich Zündstoff verarbeitet, und in den privaten Angelegenheiten Steels sowieso, bleibt aber schreibtechnisch stets geradlinig und dem unterhaltenden Genre verbunden.

In Dublin ist jedenfalls nichts mehr, wie es vorher war, was schon die halbe Miete für die Serienreife der versammelten Mannschaft darstellt. Bleibt abzuwarten, wie sich die Ereignisse nach der ungeheuren Mordserie gestalten und welche Katastrophen noch über die ehemalige CSI-Spezialistin hereinbrechen werden. So wie es aussieht, hat Reilly Steel noch lange nicht das letzte Wort gesprochen ...

 

Thomas Lawall - Januar 2012

 

 

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