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Literatur

Schneewärts


von Anna Cron


260 Seiten
© Schruf & Stipetic GbR, Berlin 2019
www.schruf-stipetic.de
ISBN: 978-3-944359-47-2



Der Klappentext verrät nicht sehr viel. Inhaltlich eher zurückhaltend formuliert, macht er nicht gerade neugierig zu erfahren, wie es sich nun genau mit jener jungen Familie und den Kindern verhält. Das schlicht gehaltene Cover könnte einem dann schon den Rest geben ... wenn dieser Titel nicht wäre.

"Schneewärts" ist nur ein Wort. Scheinbar ebenso schlicht und doch anders und viel mehr. Wen allein der geheimnisvolle Klang dieses Wortes neugierig macht, befindet sich bereits auf dem richtigen Weg. Wer das Buch nicht sofort beiseite gelegt und sofort vergessen hat, wird schon auf den ersten Seiten belohnt werden ...

... wie jenes Mädchen, welches Bücher liebt. Heimlich liest sie, was sie unter ihrem Bett versteckt. Lesen und Schreiben brachte sie sich selbst bei. Betti bedient sich aus dem Bücherregal ihres Vaters oder aus jener Kiste, die sie auf dem Dachboden fand. Nichts bedeutet ihr mehr als jene Zeilen, die sie "förmlich inhaliert".

Bücherregale sind für sie eine Offenbarung, aber auch Texte, die für ihr Alter wenig geeignet sind. Welches sechsjährige Kind weiß schon Trakl als Lieblingsautor zu nennen! Ein eisiger Wind weht ihr nach der Einschulung entgegen. Ihr Wissen und ihre Art erzeugt in der Klassengemeinschaft schnell Neid und Ablehnung ...

"Schneewärts" ist aber auch die rührende Geschichte von Lorraine du Barre, jener Pariser Literaturwissenschaftlerin, die zur Geburt des Kindes ihrer Freundin Christine nach Wuppertal reiste, ohne zu wissen, wie das Schicksal ihren weiteren Lebensweg gestalten sollte. Genannter Text verrät ja ein wenig davon, aber dabei will es der Rezensent auch belassen.

Anna Cron erzählt dieses erschütternde Familiendrama in ebenso einfühlsamer wie bildgewaltiger Sprache. Alle Zeit der Welt nimmt sie sich für die Charakterisierung ihrer Figuren und deren Beweggründe. Soziale Strukturen skizziert sie mit beängstigender Präzision, insbesondere was die "Mechanismen der Macht" betrifft, die, je nach gesellschaftlichem Rang und Stand, mehr oder weniger ausgeprägt und doch immer nach dem gleichen diabolischen Muster zu funktionieren scheinen.

Dem gegenüber stehen poetische Beschreibungen von Natur im Allgemeinen, Landschaft im Besonderen, dem Wandel der Jahreszeiten und überhaupt der Veränderung von Allem. Auf ein wundersames Wechselbad der Gefühle sollte man sich also schon einstellen. Würde man zu jener ambivalenten Mischung aus heiler Welt, menschlicher Grausamkeit, Lebenslügen, fatalen Irrtümern und dem erbarmungslosen Lauf der Dinge jetzt noch Lores Kochrezepte erwähnend addieren, würde das jeden Rahmen sprengen. Macht aber nichts, denn in eine der üblichen Schubladen passt das Buch sowieso nicht. Und das ist verdammt gut so!

Selten so gelesen.

 

Thomas Lawall - Februar 2020

 

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