Literatur

Pulver

von Johann Reißer


480 Seiten
© Frankfurter Verlagsanstalt GmbH
www.fva.de
ISBN 978-3-627-00347-0



Zum Einstieg kann es sich lohnen, vorab einmal die historischen Fakten zum Leben des Unternehmers Max Duttenhofer einzusehen, welcher ein Vermögen mit der Erfindung eines neuartigen Schwarzpulvers machte.

1843 in Rottweil geboren, übernahm er zwanzig Jahre später eine Pulvermühle aus dem 15. Jahrhundert, welche er dank seiner Erfindung von 1884, dem "rauchschwachen Schießpulver", zu einem Rüstungsunternehmen internationaler Bedeutung ausbauen konnte.

Vor der Kulisse jener Ereignisse, die den Beginn der deutschen Rüstungsindustrie markierten, ist Johann Reißers generationenübergreifendes Familiendrama, welches gesellschaftliche Entwicklungen nicht auslässt, angesiedelt, und er beginnt es, wie mit einem Kameraschwenk in die Vergangenheit, mit einem jungen Max.

Jenem Max, der sich gerne beim "Pulvermüller" herumtreibt, und sich brennend für dessen Geschichten und Phantastereien interessiert, insbesondere für seine Erzählungen über die sagenhafte "feurige Arznei" der Chinesen, oder seiner Vision von "Fabriken, groß wie Städte".

Max Duttenhofer ist dreizehn Jahre alt, und irgend etwas muss schon damals in ihm gesteckt haben, was sein Interesse an Maschinen, Arbeitsvorgängen und Produktionsverfahren begründete, weckte und faszinierte.

"Hatten diese Maschinen also die Kraft, Menschen zu verwandeln? So wie die Götter in alten Sagen?"

Elf Jahre später nehmen die Ereignisse, mit dem Studium der Chemie, dem Einstieg in Pulvermüllers Betrieb und der Heirat mit dessen Tochter Anna, ihren Lauf. Zeit auch, dass sich erste Neider formieren.

Aber Ideen lassen sich nicht bremsen und die Industrialisierung schon gar nicht. Wie das geht, versteht der Autor recht eindrucksvoll zu skizzieren, wobei neben all den Erwägungen, wie Vorgänge und Produktionen sinnvoll gestaltet, Arbeiter motiviert und gewinnbringend eingesetzt werden können, hin und wieder auch kuriose Einfälle entstehen können, wie beispielsweise gewisse Erleichterungen in der Landwirtschaft.

"Sprengstoff lockert den Boden nämlich besser als jeder Pflug und jede Hacke - und spart ein Heer von Arbeitskräften!"

Nach Max' Tod stehen Umstrukturierungen an, doch wirtschaftliche Verflechtungen und Zwänge sind nur schwer zu überwinden, und im Rahmen des 1. Weltkrieges stehen die Abnehmer Schlange.

"Denn der Krieg brauchte Pulver...".

Doch es formiert sich Widerstand, auch in den eigenen Reihen.

Johann Reißer spannt den erzählerischen Bogen weit, manchmal vielleicht zu weit. Lang ist der Weg vom ausgehenden 19. bis zum 21. Jahrhundert, welcher in Episoden und aus der Sicht prominenter und weniger prominenter Zeitgenossen erzählt wird. Das wirkt mitunter etwas zäh, auch und besonders wenn private Befindlichkeiten und der damit verbundene Zwist viel Raum und deshalb nicht selten etwas Geduld erfordern, doch letztendlich lohnt sich das Lesen, vor allem zwischen den Zeilen.

Die breit angelegte Geschichte fasziniert sowohl mit historischen Fakten, als auch mit der literarischen Herangehensweise, welche nicht nur gesellschaftliche Entwicklungen ganz allgemein, sondern auch sehr private Veränderungen der Figuren in den Mittelpunkt stellt, und sich gelegentlich zu zahlreichen Höhepunkten verdichtet.
 
Auch wenn diese mitunter etwas mehr Profil vertragen hätten, fallen sie mit ihrem Denken und Handeln auf, was Leserinnen und Leser zum Innehalten anregt. Mit zu den eindrucksvollsten Passagen gehört ein Zwiegespräch des "Fabrikantensohns" mit seinem verstorbenen Vater.

"Und dann ist er plötzlich da. Im Festsaal, am Ende der großen Tafel...".

"Pulver" beeindruckt mit dem Blick hinter die Kulisse einer Epoche, die alles veränderte und den Weg ebnete für das, was da noch kommen würde.

Einen Gänsehautmoment liefert Rosa, die uneheliche Enkelin, die das erste Auftauchen jener "betrunkenen Männer in braunen Uniformen" als böses Omen wertet!

Hier und anderswo ging es damals los mit der Industrialisierung, dem gesellschaftlichen Wandel, den Umbrüchen überall, der Neuorientierung und der wachsenden Spannung zwischen den Völkern, Profitmaximierung, Krieg, Spaltung der Gesellschaft, aufkommendem Nationalismus und immer wieder mit der Gier nach Wachstum um jeden Preis.

Wer Parallelen in der jüngeren Geschichte und in der Gegenwart sucht, wird diese reichlich finden!

 

Thomas Lawall - April 2026

 

 

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