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Literatur

Polt.

von Alfred Komarek


2. Auflage
168 Seiten
© 2009 Haymon Verlag Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at
www.alfred-komarek.at
ISBN 978-3-85218-604-7



Simon Polt ist erschrocken und fühlt sich in eine Vergangenheit zurückversetzt, mit welcher er als ehem. Gendarmerie-Inspektor eigentlich nichts mehr zu tun haben will. Er beobachtet seinen Ex-Kollegen Norbert Sailer, der das Opfer seelenruhig untersucht. Seine Anweisungen sind präzise und sachlich ruhig informiert er seine Dienststelle über den ebenso unerwarteten wie grausigen Fund in seinem Weingarten. Der unbekannte Mann zeigt keine Spur von Leben. Mit seinem Freund will er die Totenwache halten bis die Tatortgruppe eintreffen wird.

In Burgheim, einem kleinen (fikt.) Dorf im Wiesbachtal (Österreich), nahe der tschechischen Grenze, lebt Polt im selbstgewählten Ruhestand. Berufliche Veränderungen stehen an. Eigentlich sind es drei, denn zum einen pachtete er mit den beiden Freunden Friedrich Kurzbacher und Sepp Räuschl den "Kirchenwirt", zum anderen ist er Gehilfe im Kaufhaus von Frau Habesam und als drittes möchte er als Kellergassen-Führer dem drohenden Verfall der "Presshäuser" etwas entgegensetzen. Er hat Angst, dass in seinem geliebten Wiesbachtal lieb gewonnene Traditionen verlorengehen und dass womöglich alles vor die Hunde geht.

Mit Karin Walter, Polts Langzeitfreundin, ergeben sich unerwartete Tatsachen und ganz neue Perspektiven. Zudem ist sie eifersüchtig auf das Wirtshaus und der Ansicht, dass es mit Knaben, "die an der Quelle sitzen", nicht gut gehen wird: "Du wirst dich zu Tode saufen, Simon, langsam, aber zielstrebig." Gar nicht einig ist er sich mit Bezirksinspektor Bastian Priml, dem Einsatzleiter mit der erfolgreichen Vergangenheit in Wien. Eigentlich kein Wunder, wenn sich ein tüchtiger Pragmatiker und ein Mensch gegenüberstehen, dem mitunter die eigene Überzeugung wichtiger ist, als der Buchstabe des Gesetzes und der die selten gewordene Kunst beherrscht, wenig zu fragen, dabei aber viel zu erfahren ...!

Wieder einmal ist es mir nicht möglich gewesen, mein geplantes Tagwerk in einen geregelten Ablauf umzusetzen, da ich "Polt." bis zum Ende nicht aus der Hand legen konnte. Es ist weniger der Fall selbst, der fasziniert, und auch nicht unbedingt die Figur des eigenwilligen Ex-Inspektors, als vielmehr die Stimmungen, die uns Alfred Komarek vermittelt. Zur Andacht und inneren Einkehr führen bereits die ersten Zeilen. Um Stille geht es. Aber es ist eine besondere Stille, denn in ihr liegt "der Nachhall von Worten, von Gelächter und Geräuschen, im Geruch des geölten Bretterbodens war die Erinnerung an Küchendunst und Zigarettenrauch."

Ganz anders im Kaufhaus von Frau Habesam, Kauffrau und nachrichendienstliche Zentrale des Dorfes. Dort spielt beispielsweise ein Mindeshaltbarkeitsdatum keine Rolle. Die Hälfte des Sortiments hat nicht mal eines und bei der anderen Hälfte ist es längst abgelaufen - die gute Aloisia wirft halt nicht sehr gerne etwas weg! Ihr Gemischtwarenladen ist eine ganz eigene Welt, und schon die Geruchskompositionen aus "Kernseife, Leberkäs und Schokobananen" suchen ihresgleichen. Genau das richtige "Biotop für einen dörflichen Dinosaurier" wie Simon Polt, seines Zeichens "Gemischtwarenhandelsgehilfe in Ausbildung".

Greifbar auch die gähnende Leere im Wirtshaus. Zu holen ist hier nicht viel. Laufkundschaft gibt es nicht, nur die Stammtrinker, die Männerrunde nach dem Kirchgang, die Weiberhelden, Hobby-Philosophen und die, die immer wissen "wer schuld war: die Juden, die Tschechen, die Europäische Union, oder alle gemeinsam, längst auch schon verbündet mit den Kommunisten, den Freimaurern und den übrigen sattsam bekannten Weltverschwörern". Wichtigtuerei und die Wiederholung uralter Witze geben sich die Hand und über allem gipfelt der ganze "besoffene Tiefsinn".

In ein schwindendes "dunkles Zauberreich" führen uns die eindringlichen Schilderungen der einst so lebendigen Presshäuser in der Kellergasse. Da, wo im Frühjahr bis spät in die Nacht die Türen offenstanden. Der neue Wein musste verkostet und beurteilt werden - ein Ritual, was immer mehr verlorengeht. Kontrollierter Anbau in seelenlosen Stahltanks verdrängt "die erdige Würde dieser unterirdischen Schatzkammern" ...

Der Mord bringt Unruhe ins Dorf und stört die beschauliche, aber trügerische Idylle, die an Wahrheiten einiges zu verbergen hat. Alfred Komarek entwirft eine fast zerbrechlich wirkende Stimmungsmalerei der Gegensätze und zeichnet melancholische Erinnerungen an eine heile, wenn auch diffuse Welt. Es entstehen Bilder aus vergessener Zeit und Glanzlichter aus Himmel und Erde. Mir fällt es sehr schwer, dieses Buch wegzulegen, doch ich bin mir ganz sicher, einige von den Bildern mit auf meine Lebensreise zu nehmen, auch wenn es Trugbilder sein mögen! Ich denke, ich gehe jetzt noch auf eine Runde zum "Kirchenwirt", den Veltliner probieren ...

 

Thomas Lawall - November 2010

 

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