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Literatur

Paranoia für Anfänger
Eine Reise in die Welt des Wahnsinns


von Ruben Zacharias


146 Seiten
© Ruben Zacharias
www.myspace.com/rubenzacharias
Books on Demand, Norderstedt
www.bod.de
ISBN 978-3-8391-2009-5


Die Thai-Aktien steigen in unermessliche Höhen und der Dollar stürzt gnadenlos ab. Ruben Zacharias müsste gerade einmal 100 Baht - umgerechnet etwa zwei Euro - für einen Rückflug nach New York bezahlen. Die Mittagsonne glüht über Chumphon/Thailand. Der Autor sitzt in seinem Hotelzimmer und lässt den Fernseher laufen. Phantasie und Realität vereinigen sich:

Politiker besuchen Krankenhäuser. Anhänger des korrupten Thaksin-Regimes kämpfen gegen die neue Regierung und vergiften Lebensmittel und Trinkwasser. Die Air Force One stürzt über Afghanistan ab. Rebellen stürmen das Wrack der Maschine - der Präsident ist schwer verletzt.
Die Amerikaner haben einen Doppelgänger von Saddam Hussein hingerichtet und der echte stellt sich einem internationalen Gericht. Freiwillig. Ruben Zacharias ahnt, was gespielt wird. Die Verbindung nach Deutschland ist abgerissen. Das kann kein Zufall sein. Man enthält ihm Informationen absichtlich vor. Es muss etwas Schlimmes passiert sein. Sind die Amerikaner mitsamt ihren Verbündeten aus Afghanistan vertrieben worden? Waren Minister oder Kanzlerin bei dem Angriff auf ihre Truppen ums Leben gekommen?
Die Machtverhältnisse auf dem Planeten geraten ins Trudeln. Die Amerikaner sind erledigt. Thailand aber im Aufwind und auf dem Sprung, die Führung der Welt zu übernehmen. Die Thai Army schickt einen Himmel voller Hubschrauber auf die Reise ...

Nichts kann jetzt den Wahn der Bilderfluten stoppen. Mit einer Taschenlampe irrt unser Held durch die Nacht, immer auf der Hut vor dem Feind und einem Nachtwächter, der im Auftrag der Armee seine geheime Botschaften mit einem Handy fotografiert. Wieder vor dem Fernseher sitzend, beobachtet er auf CNN das Double von Präsident Bush. Die Taliban jagen amerikanische Soldaten - andere ergeben sich widerstandslos. Inzwischen werden amerikanische und deutsche Regierungsmitglieder wegen jahrelanger Kriegsverbrechen vor Gericht gestellt. Die Weltpolitik wird endlich wieder spannend.

Merkwürdig nur, warum die Menschen nicht reagieren. Ruben Zacharias scheint der Einzige zu sein, der etwas von den erdrutschartigen Veränderungen in der Weltgeschichte mitbekommt. Doch wer zu viel weiß, ist in tödlicher Gefahr und wird rund um die Uhr von Satelliten überwacht. Aber seine Macht wird täglich größer. Wenn er Nachrichtensprecher der Lüge überführt hat und sie dahingehend beschimpft, unterbrechen sie das laufende Programm und wechseln stotternd das Thema. Schließlich wird es Zeit für eine große Vision. Weshalb nicht eine deutsche Kolonie mit dem Namen "New Germania" gründen ...?

Zurück in Deutschland landet Ruben Zacharias für vier Monate in einer Stuttgarter Psychiatrie. Die Diagnose: "Schizoaffektive Psychose, manische Dekompensation mit langwierigem Negativsyndrom". Irgendwie liegt das in seiner Familie, weshalb er sich folgerichtig die Frage stellt, ob wir alle nur Sklaven unserer Gene sind. Das mutige Buch nimmt uns mit auf eine wahnwitzige Reise und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Paranoia für Anfänger ist kein sperriges Sachbuch, sondern eine ungewohnt persönliche Bestandsaufnahme einer chaotischen Zeit und einem Aufbruch in neue Welten.

Der Autor beschreibt in einer bodenständigen Offenheit und Geradlinigkeit jene Ereignisse, die sich seit dem 6. Dezember 2006, dem Tag, an dem sich sein ganzes Leben verändern sollte, zugetragen haben. Er unterrichtete als Lehrer an einer kaufmännischen Schule Deutsch und Gemeinschaftskunde, bis dieser frustrierte Teenager jene Meldung im Internet verbreitete ...

Mit scharfsinnigem Humor und klaren Worten schreibt er sich den Wahn samt Sinn von der Seele. Leidenschaftlich, ehrlich und ohne jedes falsche Selbstmitleid. Fast haben die Stationen seiner ganz persönlichen Odyssee einen nicht unwesentlichen Unterhaltungswert, da sie mitunter stark verkürzt oder vereinfacht wirken. Die geheimen Koordinaten des Wahnsinns sind andererseits somit ungleich schneller zu finden und leichter zugänglich.

Hier ist jemand, der seinen individuellen Weg gefunden hat, und anderen, die sich vielleicht noch ganz am Anfang ihrer eigenen Irrwege befinden mögen, Mut machen und Zuversicht schenken kann. Es ist tatsächlich möglich, aus dem Morast des Gewöhnlichen auszubrechen, sich als Held im Thriller der eigenen Paranoia zu verlaufen und restlos zu verlieren, nach tiefstem Fall aufzutauchen und mit eigener Kraft das ferne Ufer erreichen, um endlich Heimat zu finden ...

Derweil lese ich das erste Kapitel noch einmal und mache mir Gedanken darüber, ob der Messias evtl. tatsächlich "meschugge" gewesen sein könnte. Im Prinzip würde ich ja gerne die Kirche(n) im Dorf lassen, aber wenn man diese Gedanken weiterspinnt, könnte man zu einer ganzen Reihe folgenschwerer Erkenntnisse gelangen. Da wird man ja komplett irre ...

 

Thomas Lawall - Januar 2010

 

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