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Literatur

Oma dreht auf

von Janne Mommsen


224 Seiten
© 2012 by Rowohlt Verlag GmbH
Reinbek bei Hamburg
www.rororo.de
ISBN 978-3-499-25842-8



Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Die Betonung liegt auf Schatten, denn hier braut sich ein ordentliches Donnerwetter zusammen. Christa und Ocke sitzen am Terassentisch und treffen Vorbereitungen für die anstehende Geburtstagsfeier ihrer dienstältesten Mitbewohnerin. Imke kommt gerade von einem Ausflug zurück, den sie zunächst verheimlicht. Alle glauben, sie wäre mit Sönke, ihrem Enkel, unterwegs gewesen, was so nicht ganz richtig ist. Im Moment haben sie auch genug zu tun, denn die Bowle muss jetzt angesetzt werden. 20 Gläser mit in Rum eingelegten Früchten und 70 Flaschen Weißwein müssten eigentlich genügen ...

Die Achtundsiebzigjährige unternahm eine nicht ganz ungefährliche Wattwanderung, zunächst in Richtung Sylt. Leicht verwirrt änderte sie alsbald die Richtung in bekanntere Regionen. Mehr oder weniger wohlbehalten landete sie auf der Nachbarinsel Amrum, welche einst ein regelmäßiges Ziel für sie bedeutete. Verheiratet war sie damals und vierfache Mutter - und der auf Amrun lebende Johannes war für Jahrzehnte ihr heimlicher Geliebter gewesen. Leider verstarb er bereits vor zwei Jahren, was Imke in diesem Moment entfallen war. Deshalb konnte sie auch niemand daran hindern, sein ehemaliges Haus zu betreten. Zwar wunderte sie sich noch über das andere Auto vor der Haustür der Doppelhaushälfte, sowie die durch Farbfotos fremder Leute ersetzten Schwarzweiß-Fotos im Flur und das völlig neu eingerichtete Schlafzimmer im ersten Stock. Egal, Hauptsache, sie konnte sich erst einmal ein wenig ausruhen ...

Nach einer Beinahekatastrophe im Zusammenhang mit einem nicht ausgeschalteten Herd, zog Imke aus ihrer alten Wohnung aus und bei Ocke ein. Der Siebenundsechzigjährige ist ein guter alter Freund und Platz genug hatte er auch. Christa, mit flotten siebenundfünfzig die jüngste im Bunde und Imkes beste Freundin, zog spontan ebenfalls ein und schon war die Senioren-WG komplett. Zudem wurde sie von Imkes Enkel Sönke und amtlich bestelltem Vormund offiziell als Pflegerin ernannt.

Wie das mal nun so ist, gestaltet sich das WG-Leben nicht unbedingt komplikationsfrei, selbst wenn sich die Mitglieder durchweg aus reiferen Semestern zusammensetzen. Eigentlich brodelt es an allen Ecken und Enden. Ocke bemängelt einerseits die Unordnung im Haus, hat aber andererseits ein Auge auf Christa geworfen, die sich ihrerseits erlaubt, unangesagt fremden Männerbesuch zu empfangen, der sich auch noch heimlich und mitten in der Nacht durch einen Sprung aus dem Fenster verabschiedet ...

Imke kommt ins Grübeln, als sie sich noch einmal in aller Ruhe die auf DVD aufgenommene Geburtstagsrede von Sönke anschaut. Schon siebenunddreißig ist er. Wie die Zeit vergeht. Seine jugendlichen Züge sind verschwunden, doch das Alter scheint ihm gut zu stehen. Er erinnert sie daran, wie sie einst auf der Berlinade Brad Pitt die Hand gab und an jene Vernissage, wo sie mit ihm als vermeintlichem Liebhaber einen Skandal provozieren wollte. Doch das alles tröstet sie nicht darüber hinweg, dass ihre Zeit nun langsam ablaufen wird. Ihr Spiegelbild als alte Frau kann sie nicht akzeptieren, da sie sich immer noch als siebzehnjähriges Mädchen sieht und sich noch sehr genau an ihre damaligen Befindlichkeiten erinnern kann. Soll das jetzt alles gewesen sein?

Nein, auf keinen Fall ...!

Nach "Oma ihr klein Häuschen" (2010) und "Ein Strandkorb für Oma" (2011) setzt Janne Mommsen nun die Reihe fort. Detailverliebt skizziert er im dritten Band das Leben dreier Individualisten, die sich standhaft weigern, ihr Leben in ebenso normalen wie geordneten Bahnen zu verbringen. Jeder auf seine ganz spezielle Art und Weise. Auf relativ engem Raum lebend, sind in dieser unorthodoxen Senioren-WG eine ganze Menge Probleme selbstverständlich vorprogrammiert, werden aber vom Autor umso liebevoller in Szene gesetzt.

Und genau darin mag der Erfolg der Reihe liegen, denn trotz enormem Konfliktpotential läuft die Handlung nie aus dem Ruder, sondern ordnet sich einer positiven Sicht der Dinge unter. Trotz Liebesleid, verwirrenden Gefühlen, diversen altersbedingten Problemchen, unerwarteten Strafanzeigen und zwischenmenschlichen Katastrophen weht eine leichte Sommerbrise zwischen diesen Zeilen. Auch wenn ein leiser Hauch von Vergänglichkeit mitschwingt, gewinnt die letztlich lebensbejahende Grundeinstellung der Hauptdarsteller stets die Oberhand. Dieses Buch passt ganz hervorragend in die Jahreszeit. Und man sollte sie in vollen Zügen genießen! Herbst und Winter kommen ja früh genug wieder ...

Eine leichte Sommer-Lese-Brise. Ein Buch, das beschwingt aber auch bewegt. Fast eine heile Welt, in der Freundschaft und Familie (in mitunter unkonventioneller Auslegung) noch eine gewisse Bedeutung besitzen. Wahrhaftig eine Insel ...

 

Thomas Lawall - Mai 2012

 

 

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